LIEBLINGSFILM: WARUM WIR UNS MIT DER STECKBRIEF-ZEILE NICHT ZUFRIEDEN GEBEN SOLLTEN

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„Was sind denn eigentlich so deine Lieblingsfilme?“ fragte mich kürzlich ein Bekannter ganz beiläufig. Ich werde oft nach meiner Meinung zu Filmen befragt, manchmal von Agenturmenschen nach der Pressevorführung, manchmal im Seminar, manchmal von cinéphilen Freunden, von Jenen, die nur am Wochenende für anderthalb Stunden ins Kino wollen und einen Tipp brauchen. Wer mit Film zu tun hat, wird das Gefühl kennen, sich dann mal mehr, mal weniger enthusiastische Antworten aus der Rippe zu leiern.

Aber die Frage nach dem Lieblingsfilm ist anders. Wenn sie etwas nicht ist, dann beiläufig. Und wenn man erst mal darauf achtet, dann ist sie überall. Bei der Vorstellungsrunde in meinem ersten Praktikum gehörte sie zum Standardrepertoire, auf Blogs nennen Autoren ihre Favoriten, soziale Plattformen wollen eh alles wissen, sogar auf Dating-Websites wird die Frage nach dem Lieblingsfilm genutzt, um potentielle Matches zu generieren. Ganz zu schweigen von persönlichen Gesprächen, Kennenlernphasen, diesen kleinen Beiläufigkeiten eben.

Und da sind wir auch schon bei ihrem eigentlichen Zweck: Das, was heute die Frage nach dem Lieblingsfilm ist, war früher der bildungsbürgerliche Blick ins Bücherreal beim ersten Besuch eines neuen Freundes. Wir benutzen sie, um jemanden einzuschätzen, zu umreißen – das intellektuelle Pendant zum Scanner-Blick. Das Wissen um das heikle Gewicht dieser Frage verleitet zum Mitspielen und das Spiel führt zum eigentlichen Kern der Sache. Das Problem ist nicht die Frage an sich – sondern die Antwort darauf.

Prinzipiell mag zur Schau gestellter Snobismus vielleicht geächtet sein. Aber seien wir ehrlich – wenn wir vor einer Riege neuer Kollegen stehen oder uns daran liegt, das nächste Date zu beeindrucken: gestehen wir dann freimütig zu, dass unser erster Eindruck geprägt ist von dem bunten Wust, der da heißt Popkultur? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, in der Spalte namens „Lieblingsfilm“ von Adam Sandler zu lesen oder von einer ausgeprägten Vorliebe für Michael Bay und Pixar. Richteten sich die Kinokassen nach den Angaben in den sozialen Medien, müssten Filme à la Antonioni und Xavier Dolan, Lars von Trier und Woody Allen den Box Office dominieren, die Retrospektiven in den vielen kleinen Programmkinos aus allen Nähten platzen. Und selbst wenn doch einmal die guilty pleasures aufgelistet sind, dann sind sie es zumeist im Rahmen eines ausgetüftelten Kalküls: unnahbar und arrogant zu wirken bedeutet schließlich auch den sozialen Tod.

Sehe ich mich nun mit dieser einer essentiellen Frage konfrontiert, bricht mir schon mal der kalte Fußschweiß aus. Meist fehlen Zeit und Interesse, um wirklich ins Detail zu gehen (Welchen Film mag ich persönlich, mit Welchem verbinde ich eine wichtige Erinnerung und welchen schätze ich im Grunde nur für seine Machart?). Oder im entscheidenden Moment herrscht Leere im Kopf, wo eben noch eingebildeter Intellekt und Witz Hand in Hand gingen. Also legt man sich Antworten zurecht, die im richtigen Augenblick abgespult ein sorgsam kuratiertes Bild des eigenen High End-Geschmacks repräsentieren. Ein Beispiel? Meine Selbstdarstellung auf filmosophie.com soll sagen:

Easy Rider = Ich kann Filmgeschichte.
Babel = Lange Einstellungen und wenig Dialog schrecken mich nicht ab.
Conversations With Other Women = Ich kenn was, was du nicht kennst.
Peterchens Mondfahrt = Ich nehm‘ mich bei all der Filmkunst nicht zu ernst – was für ein Gesamtpaket!

Die Alternative: um sich nicht allzu sehr zu limitieren, bietet es sich an, statt Filmtiteln die Namen von Regisseuren zu nennen. In meinem Fall gern: Woody Allen, Michelangelo Antonioni, Sofia Coppola, Douglas Sirk, Pedro Almodóvar, Jane Campion, Xavier Dolan, Alfred Hitchcock, you name ‚em. Das entspricht durchaus der Realität und doch muss ich eingestehen, dass ich nur ungern den ungefilterten ersten Eindruck erwecken würde, dass mich manchmal der Schlag trifft und ich dann zum x-ten Mal Harry Potter, seichte RomComs oder deutsche Heimatfilme der 1950er sehen muss. Was ebenfalls der Realität entspricht.

Die Tatsache, dass wir in einem Moment leben, in dem all hail der Selbstdarstellung gilt, manifestiert sich nun nicht allein an der Frage nach dem Lieblingsfilm. Den besten Beweis dafür liefern die allgegenwärtigen Instagram-Feeds, in denen die Schlagwörter Inspiration und Motivation oft nur einen Wisch vom Wettbewerb entfernt sind: Wer isst gesünder, wer hält beim Workout länger durch, wer hat den größten Spaß, wer setzt den nächsten Trend? Ob es das Café ist, der Roman oder eben der Film: der Präfix Lieblings- steht vor allem für ein bewusst gewähltes Distinktionsmerkmal.

Und nun? Bedeutet das, dass wir auf das Thema lieber ganz verzichten sollten, um dem Gegenüber nicht die nächste Plattform zur Selbstdarstellung zu bieten? Zweifelhaft. Was jedoch nicht schadet: sich mit dem Scanner-Blick nicht schon zufrieden zu geben. Keine Steckbriefe abfragen, sondern richtige Gespräche führen. Mit Nachfragen, Begründungen. Haupt- und Nebensätzen. Menschen nicht nur einschätzen und umreißen, sondern kennenlernen. Exklusiver Geheimtipp: dieses Erfolgsrezept lässt sich nicht nur auf Konversationen über Film anwenden. Also, wer mich das nächste Mal nach meinem Lieblingsfilm fragt, der muss auch mit Augenrollen und dem mehrminütigen Monolog leben, den er damit auslöst.

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2 Antworten zu “LIEBLINGSFILM: WARUM WIR UNS MIT DER STECKBRIEF-ZEILE NICHT ZUFRIEDEN GEBEN SOLLTEN

  1. Ah, interessantes Thema und ich bin beim Lesen ehrlich etwas erleichtert, dass es anderen auch noch so geht und sie die Frage gar nicht mögen. Ich halte mich eigentlich nicht für blöd, aber mir fällt ohne Quatsch nie ein wirklicher Lieblingsfilm ein, wenn ich danach gefragt werden. Mir kommt immer irgendwas in den Sinn, weil es mich sehr mitgenommen hat, ich überrascht war, ich kurz vorher das Plakat gesehen oder die DVD gekauft habe. Ich beschäftige mich auch gar nicht damit … . Irgendwann habe ich mal eine LIste angelegt und alle Filme aus meiner DVD-Sammlung angefangen dort zu ranken, bin ich erschöpft aufgeben musste … ich kanns einfach nicht. Ich kann mich nicht entscheiden. Da gibts keinen Lieblingsfilm … es gibt Lieblingsfilme. 10 oder so. Aber wer hat die Zeit sich damit auseinanderzusetzen und auf eine ehrliche Antwort zu warten. Wo doch die Meinung schon gebildet ist, wenn ich einen Titel sage!? Und ich muss ja gestehen, dass ich auch nicht besser bin. Auf jeden Fall danke fürs Pladoyer … 😉

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