DOUG AITKEN: STATION TO STATION

In ein paar Wochen werde ich mich in einen leise zuckelnden Zug setzen und sechs Stunden nach Danzig gondeln. Weil es kaum eine schönere Art zu Reisen gibt als lange Zugfahrten. Musik, aus dem Fenster starren, gucken, ab und zu einen Gedanken vorbeifliegen sehen, ihn festhalten, wunderbar. In Station to Station, heißt es, entstünden in einem Zug zwei Filme parallel: einerseits die Landschaften, die die Fahrenden vorbeiziehen sehen. Andererseits die Bilder in den eigenen Köpfen.

© NFP/Filmwelt

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Station to Station wäre damit gewissermaßen der resultierende dritte Film. Ein Projekt, eine einzige große Performance, zerlegt in ihre Einzelteile. Ein Zug mit Dutzenden Kreativen an Bord auf dem Weg durch die Vereinigten Staaten, vom Atlantik an die Pazifikküste. Ein Projekt, das die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet – das altmodisch langsame Reisen mit der Grenzenlosigkeit, der sozialen Vernetzung der Jetztzeit – und dabei in die Zukunft weist.

Aus zweiundsechzig Kapiteln besteht der Film von Doug Aitken, jeweils einminütigen Kurzfilmen über die verschiedenen Künstler an Bord. Tänzer und Musiker, Maler, Fotografen, Poeten, Architekten, Performance-Artists. Diese Bestandsaufnahme von Kreativen der Gegenwart mag als tatsächliche Bestandsaufnahme zeitgenössischer Kunst lieber nicht allzu ernst genommen werden. Zwischen wahren Perlen gibt es da nämlich immer wieder ziemliche Fehlschläge. Aber wie es die Band Bloodbirds ausdrückt: es geht mehr darum, einfach eine gute Zeit zu haben. So verstanden, funktioniert Station to Station recht gut.

© NFP/Filmwelt

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Gefällt ein Künstler nicht, wird er nach sechzig Sekunden wieder weg sein. Aber wenn Patti Smith oder Cat Power singen, Olafur Eliasson eine farbgetränkte Kugel auf einem weißen Blatt die Bewegungen des Zugs aufzeichnen lässt oder die Savages auf der Bühne so abgehen, dass man gleichzeitig zu schwitzen und zu sabbern beginnt, dann wünscht man sich gleich noch einmal sechzig Sekunden, und noch einmal. Der unerbittliche Schnitt lässt jedoch eine Art Best-Of der gesamten Reise entstehen, visuell ansprechend allemal und vor allem in seinem konsequenten Formalismus interessant.

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Die extreme Fragmentierung eines Werks, die Möglichkeit, anhand von alle sechzig Sekunden im Bild auftauchender Titel permanent den Fortschritt der Zeit im Blick zu haben. Das ist eine Art des Sehens, die man aus dem Kino nicht kennt, sondern eher von Youtube und Co, wo der Player uns jederzeit anzeigt, wieviel Zeit vergangen ist und wieviel noch vor uns liegt. Das Erleben ist zwiespältig: es mag auf assoziativer Ebene anregen, Gedanken in Gang setzen. Aber es bleibt auch an der Oberfläche, erscheint willkürlich. So wie der Zug selbst, der in manchen Städten hält und an manchen Ortschaften nur vorbeirattert, unscheinbar und nichts verändernd. Der Architekt Paolo Soleri sagt an einer Stelle in Station to Station, er habe Einwände gegen das Konzept der Zukunft. Denn sie existiere schlicht nicht. Wir haben nur die Gegenwart. Die Musik einer Band, eine Fotografie, das unaufhörliche Rattern des Zuges.

Kinostart: 16. Juli 2015

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