UN CERTAIN REGARD 2015: TAKLUB

Im November 2013 bildete sich über Mikronesien einer der stärksten je aufgezeichneten Taifune. Haiyan zerstörte riesige Gebiete Vietnams und der Philippinen und am schlimmsten war die Region um die philippinische Stadt Tacloban betroffen. In dieser Stadt spielt Taklub, der neue Film des Regisseurs Brillante Mendoza.

© Festival de Cannes

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In der ersten Szene werden wir aber nicht mit eben jenem Taifun konfrontiert, sondern mit einer anderen Katastrophe. In tent city, dem von Hilfsorganisationen errichteten Lager, in dem die Überlebenden untergekommen sind, hat ein Zelt Feuer gefangen. Darin die Ehefrau und die sechs Kinder von Renato (Lou Veloso). Sie alle sind dem Tod geweiht und Brillante Mendoza schont uns Zuschauer nicht. Wem bei dem extremen Gewackel der Kamera, die die Wasser holenden Männer verfolgt, noch nicht schlecht geworden ist, der bekommt es spätestens beim Anblick der verbrannten Menschen mit einem fetten Kloß im Hals zu tun.

Es wird dies nicht der letzte Kloß im Hals sein. Taklub sieht die meiste Zeit über aus wie ein Dokumentarfilm, nüchtern, in ausgewaschenen Farben, immer wieder etwas wackelig. Eindrucksvoll bewiesen wird das auch – dieser Vorgriff sei mir verziehen – im Abspann, in dem Mendoza Fotografien aus der Krisenregion aneinander montiert, die er teilweise eins zu eins in seinem Film nachinszeniert hat.

Es handelt es sich aber um eine fiktionale Geschichte, die sich so und so ähnlich allerdings hunderte Male zugetragen haben dürfte. Im Mittelpunkt steht Bebeth (Nora Aunor), die gemeinsam mit ihrer Tochter Angela (Shine Santos) ein improvisiertes Restaurant führt. Ihre anderen drei Kinder hat sie bei dem Taifun verloren. Nun macht sie einen DNA-Test, mithilfe dessen herausgefunden werden soll, ob ihre Kinder tatsächlich in einem Massengrab verscharrt sind. Aber nicht nur das persönliche Leid macht den Menschen in tent city zu schaffen. Auch die Bürokratie ufert oft in nichts weiter als Schikane aus und die Lebensbedingungen in einer von Grund auf zerstörten Stadt sind ebenfalls himmelschreiend prekär. Es ist ein Leben, in dem der Tod nicht nur allgegenwärtig, sondern regelrecht beiläufig geworden ist. Die Leute erzählen sich mal eben so im Vorbeigehen, wie viele aus ihrer Familie überlebt haben und wer nicht.

© Festival de Cannes

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Geradezu überraschend ist angesichts dieser toxischen Umgebung die Menschlichkeit, die Brillante Mendoza in Taklub durchscheinen lässt und die er selbst in seiner Inszenierung nicht vergisst. So erfahren wir vom Verlust der Kinder Bebeths nicht in erster Linie durch Dialogzeilen, sondern durch das Geschirr der Familie: jedes Kind hat eine Tasse mit dem eigenen Namen und Portrait im Küchenschrank stehen, aber nur die von Angela ist noch in Gebrauch. Wie ein roter Faden zieht sich auch das Spendenmotiv durch Taklub. Jeder in Tacloban scheint für irgendetwas zu sammeln: die Nonnen und Mönche, die singend nicht nur ein Kreuz, sondern auch eine Spendenbüchse durch die Gegend tragen. Bei der Essensausgabe geht jegliches Wechselgeld automatisch an Bedürftige. Und als Renatos Familie verunglückt, schnappt sich Bebeth kurzerhand selbst eine Flasche, schneidet einen Schlitz hinein und sammelt bei Nachbarn und Freunden für den Unglücklichen. Das wahrhaft Unglaubliche dabei: die Leute in tent city spenden tatsächlich allesamt. In Taklub erzählt uns Brillante Mendoza eine Menge darüber, wie wir mit Extremsituationen umgehen – und wie wir mit ihnen umgehen sollten.

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2 Antworten zu “UN CERTAIN REGARD 2015: TAKLUB

  1. Danke K, klingt stark. Einer der interessantesten Filme im Programm. Frage mich oft wie man einfach weiter machen soll nach solchen Tragödien, zuletzt in Nepal. Hoffe der Film schafft es irgendwie ins Kino oder zu anderen Festivals wie Muc oder London.

  2. Pingback: MEDIA MONDAY #205 | l'âge d'or·

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