CANNES 2015: MON ROI

Hätte mir vorher jemand erzählt, worum es in Mon Roi genau geht, dann hätte ich wahrscheinlich kopfschüttelnd abgewunken. Ein französisches Drama über eine komplizierte Beziehung, wow, sowas hab ich ja noch nie gesehen. Manchmal ist es aber doch gut, sich einfach unvoreingenommen ins Abenteuer zu stürzen und sich überraschen zu lassen.

So ähnlich macht es auch Tony, mit vollem, bedeutungsschwangeren Namen heißt sie Marie-Antoinette Jezebel. Sie wird gespielt von Emmanuelle Bercot, die mit La tête haute als Regisseurin auch den Eröffnungsfilm von Cannes 2015 beisteuerte. An einem abenteuerlustigen Abend begegnet sie in einem Club Georgio (Vincent Cassel) inmitten einer Gruppe tanzender, junger Leute. Schon vor Jahren sind sie sich flüchtig begegnet und haben sich seither aus den Augen verloren. An diesem Abend dauert es nicht lange, bis die beiden im Bett landen.

© Festival de Cannes

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Die Filmemacherin Maïwenn bringt mit Mon Roi eine Liebesgeschichte auf die große Leinwand, die im Grunde eher die Langzeitbeobachtung einer Frau denn eines Paares ist. Tony fungiert nicht direkt als Erzählerin, immer wieder sehen wir aber die Geschehnisse aus ihrer Perspektive und immer bleiben wir nah an ihrer Gefühlswelt, an ihrer Entwicklung, ihrer Persönlichkeit. So kommen wir auch in das ambivalente Vergnügen der Bekanntschaft mit Georgio. Vincent Cassel spielt ihn als vielschichtig komplexen Mann, der gleichermaßen anziehend und abstoßen wirken kann. Er fasziniert durch seine Aura des ultimativen Selbstbewusstseins, unterhält mit spitzbübischem Humor und Charisma und weiß im richtigen Moment mit Dackelblick und zärtlichen Gesten alle Register zu ziehen. Aber da gibt es auch diese andere Seite an ihm, die maßlos Selbstzerstörerische nämlich. Egozentrik, Komplexe, Drogen und Schulden gehören zu den Problemen, die Tony erst mit der Zeit eine nach der anderen entdeckt und sich viel zu lange schön redet. Verübeln können wir es ihr nicht, denn auch als distanzierte Zuschauer sind wir gefangen von dem intensiven Blick Cassels und wissen nicht, ob er sich gerade wirklich öffnet oder wir doch wieder nur einer seiner geschickten Manipulationen anheim fallen.

© Festival de Cannes

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Die Figuren machen aus Mon Roi einen psychologisch interessanten Film, besonders in Romanzen ist das nicht allzu oft der Fall. Der Film lebt zu einem großen Teil von der zündenden Chemie zwischen den Hauptdarstellern, die sich lieben, albern lachen oder sich anfeinden können – es ist immer ein Fest – wahlweise komödiantisch oder zutiefst dramatisch. Und dabei geht alles ganz schnell. Während sich die beiden Liebenden kopfüber in ihre Beziehung stürzen, nimmt Mon Roi umgehend Fahrt auf und wir können nicht anders als gebannt zuzuschauen.

Den sich zuspitzenden Erzählfluss von der Beziehung von Tony und Georgio unterbricht Maïwenn wiederholt mit Aufnahmen aus einer späteren Zeitebene. Hier befindet sich Tony in einer Kurklinik am Meer, nachdem sie sich bei einer zu schnellen Ski-Abfahrt eine schwere Verletzung am Knie zugezogen hat. Die zwischenmenschliche Abwärtsspirale konterkariert die Regisseurin mit dem Versuch der gebeutelten Frau, ihre Stärke Schritt für Schritt wiederzuerlangen und hätte man mir das vorher in nüchternen Worten beschrieben, hätte ich auch hier wohl die Hände über dem Kopf geschlagen. Maïwenn findet aber tatsächlich die nötige Balance und das richtige Timing, um ihren Film weder formelhaft uninspiriert, noch allzu symbolisch aufgeladen erscheinen zu lassen. Vielmehr bieten viele ausgelassene Szenen – Tony freundet sich in der Klinik mit einer Gruppe junger Patienten an – ein willkommenes Gegengewicht zu all dem emotionalen Ballast im Beziehungsgeflecht. Wer hätte das gedacht? Eine ordinäre französische Liebesgeschichte wird zu einem meiner bisherigen Favoriten im Wettbewerb um die Goldene Palme. Besondere Chancen rechne ich ihr dabei nicht aus, denn wie oft gewinnen locker erzählte Liebestragikomödien schon Preise? Mon Roi wird aber in jedem Fall in guter Erinnerung bleiben.

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Eine Antwort zu “CANNES 2015: MON ROI

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