CANNES 2015: IL RACCONTO DEI RACCONTI

Es war ein mal… so fangen die ältesten Geschichten an. Nagut, nicht die ältesten, aber doch ziemlich alt. Aus dem 17. Jahrhundert immerhin stammt das Pentamerone, das der Italiener Matteo Garrone mit Il racconto dei racconti zumindest teilweise ins Bild gesetzt hat. Es ist die erste bekannte Sammlung vieler noch heute bekannter Märchen. Und die sind bekanntermaßen bizarr, brutal und moralisch noch dazu. Garrone hat diese drei Eigenschaften für seinen Film übernommen. Aber das muss gar nicht unbedingt etwas Schlechtes sein.

© Festival de Cannes

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Vorgesetzt bekommen wir ein ganz und gar künstliches Gebilde, artifiziell bis auf den letzten Pixel. Wir befinden uns in einer unbestimmten Märchenwelt, Mittelalterstil mit detailverliebten Fantasy-Elementen. Drei voneinander in der Vorlage unabhängige Märchen werden hier locker miteinander verwoben. Da gibt es zwei Schwestern, die von Liebesabenteuern mit ihrem König (Vincent Cassel) träumen und sich darüber in Lügen und Bestrebungen nach ewiger Jugend verirren. Es gibt einen König (Toby Jones), der sich so sehr in seiner Freundschaft zu einem Floh verliert, dass er dabei seine heiratswillige Tochter Violet (Bebe Cave) vergisst. Und vor allem ist da noch eine Königin, umwerfend verkörpert von Salma Hayek, die sich so sehr ein Kind wünscht, dass dafür ihr Mann (John C. Reilly) in den Fluss hinabsteigen und ein Seeungeheuer töten muss. Aber damit nicht genug: Minuten später sehen wir sie schon mit ungeheurer Zielstrebigkeit das riesige, frisch gekochte Herz des Viechs verspeisen.

Es gibt durchaus ein paar Szenen in Il racconto dei racconti, die einem zart besaiteten Zuschauer einiges abverlangen. Die Entschädigung folgt aber auf dem Fuße, denn der ganze Film ist ein einziger Augenschmaus, von den umwerfenden Landschaften, wie in flammenden Farben in Öl gemalt, bis zu den Perlen an den fabelhaften Kostümen. Auch hier gilt stets das Prinzip der Artifizialität. Die Spezialeffekte sind alles, aber nicht realistisch, und auch das brillante Ensemble sorgt eher für Distanzierung als Immersion: wir sehen keine Figuren, wir sehen Star-Personas: Selma Hayek, John C. Reilly, Toby Jones. Faszinierend dabei ist der unwiderstehliche Sog, in dem uns Matteo Garrone trotz dieser Quasi-Störfaktoren gefangen nimmt. Seine Narration folgt nicht wirklich einem Spannungsbogen. Im Gegenteil: ganz im Stil der uns bekannten Märchen passieren die verrücktesten Dinge einfach so ganz nüchtern hintereinander weg: Wahrsager tritt auf, König zieht aus, um die Vorhersage zu erfüllen, findet das Seemonster und tötet es, der König stirbt, die Königin zieht mit dem Herz davon und wird tatsächlich schwanger. Niemand im ganzen Königreich scheint darüber auch nur mit der Wimper zu zucken, und wir tun das auch nicht.

© Festival de Cannes

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Bei Il racconto dei racconti gilt es nicht Mitgefühl zu entwickeln, sondern Faszination für eine Welt, die so offensichtlich nicht existiert. Für Figuren, die offensichtlich vor Jahrhunderten erdacht wurden, um den Menschen Lektionen über ein ehrbares Leben zu erteilen. Und doch steht der Film nicht im luftleeren Raum. Für das 21. Jahrhundert scheint er uns vor allem etwas über die neverending story der Wahrnehmung von Alter, Jugend und Schönheit zu erzählen. Er sagt uns damit nicht unbedingt etwas Neues, aber intendierte er das, würde er sich auch keine jahrhundertealten Märchen zur Vorlage wählen. Die Geschichte aller Geschichten ist trotzdem kein alter Hut, sie wartet lieber mit etwas Selbstironie auf. Besonders in der Episode der heiratswilligen Königstochter wird das immer wieder deutlich, die einige gewitzte Kapriolen schlägt. In ihrer ausgestellten Künstlichkeit scheint sie uns zu sagen: warte nicht darauf, dass ein schöner Artistenjüngling dich auf einem dünnen Seil über eine Schlucht rettet. Not gonna happen. Nimm die  Dinge lieber selbst in die Hand.

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2 Antworten zu “CANNES 2015: IL RACCONTO DEI RACCONTI

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