ALAN RICKMAN: DIE GÄRTNERIN VON VERSAILLES

Wenn mich manchmal die Hybris packt, möchte ich gern eine absolutistische Herrscherin in Versailles sein, mit einem riesigen Hofstaat samt Lustknaben zur freien Verfügung, pastellfarbenen Roben und feinsten Macarons den ganzen Tag. Und ganz ehrlich – den großartigen Schlossgarten mit dem Pöbel zu teilen, das käme mir dann auch nicht in die Tüte. Nun ja, blättere ich dann im Geschichtsbuch ein paar Seiten weiter, fällt das spaßige Luftschloss schnell in sich zusammen. Einerseits endeten die französischen Monarchen bekanntlich nicht allzu friedlich, andererseits ist es auch mit dem dekadenten Image gar nicht so weit her wie immerzu angenommen. Statt Duschen immer nur neue Perücken und Puder und Marie Antoinettes Spruch vom hungernden Volk, das Kuchen statt Brot essen solle, ist diversen Quellen zufolge auch mehr höfische Intrige als historischer Fakt.

© Tobis Film GmbH & Co. KG

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Als Ersatz für alle, die manchmal trotzdem gern den absolutistischen Herrscher in sich herauslassen wollen, hat Alan Rickman ein eigenes, wunderschönes Luftschloss gebaut. Kate Winslet spielt in Die Gärtnerin von Versailles eine Witwe mit grünem Daumen, die vom königlichen Landschaftsarchitekten André le Nôtre (Matthias Schoenaerts) angeheuert wird, um ihm bei der Gestaltung der Schlossgärten von Versailles zu helfen. Mit ihrem Talent, ihrer unverblümten Direktheit und der Bereitschaft zum Anpacken setzt sie sich nicht nur gegen zahlreiche männliche Konkurrenten durch, sondern betört bald auch den bereits verheirateten Le Nôtre.

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Alan Rickman lässt es sich in seinem Film nicht nehmen, den Sonnenkönig Ludwig XIV. höchstpersönlich darzustellen und so dürfte es keine Überraschung sein, wenn ich verrate, dass Die Gärtnerin von Versailles ein durch und durch ironisches und selbstreferenzielles Werk geworden ist. Zuweilen erinnert es dabei in seiner artifiziellen Opulenz an Sofia Coppolas Marie Antoinette – nur ohne die melancholische Schwermut eben. Wie seine Kollegin aktualisiert Rickman das alte Genre des Kostümfilms hier für die Jetztzeit – und das dürfte nicht Jedem gefallen.

Die potentielle Kritik beginnt schon bei der nicht vorhandenen historischen Akkuratesse. Eine Gärtnerin namens Sabine De Barra hat es am französischen Hofe nämlich niemals gegeben. Als reine Erfindung sticht sie auch aus der Erzählweise des Films heraus, denn während die meisten Figuren bloße Typen oder gar Karikaturen bleiben, entwickelt sich Sabine nach und nach zu einer Persönlichkeit, die mit der sehr natürlich wirkenden Kate Winslet ausgezeichnet besetzt ist. Abgesehen von ihr treibt Alan Rickman die Theatralität seines Films gern vollends auf die Spitze.

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Mit voller Absicht lässt er seine Schauspieler die Dialoge immer wieder aufsagen wie im Laientheater von Hintertupfingen – nur eben in gestelztem britischen Akzent, er lässt sie durch symmetrisch schwingende Holztüren die Räume betreten wie Bühnen und Stanley Tucci in seiner herrlich überkandidelten Rolle als modeverliebter Herzog von Orléans scheint einen Vorfahren seiner Figur aus Der Teufel Trägt Prada zu spielen. Vielleicht ist das manchmal too much – immer wieder gibt es Szenen, die Gelächter herausfordern ohne dabei klar deutlich zu machen, ob sie tatsächlich Ironie intendieren oder sich aber doch Ausflüge in die etwas zu gut gemeinte Ernsthaftigkeit erlauben. Wer sich auf den speziellen Stil von Die Gärtnerin von Versailles einlassen kann, wird jedoch mit knappen zwei Stunden intelligenter Unterhaltung und charmantem Witz belohnt.

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Den Kontrast zwischen menschlicher Ordnung und Chaos der Natur setzt der Regisseur ins Bild, indem er die Fassade der Perfektion bei Hofe selbstironisch bröckeln lässt. Wenn der König eine ruhige Minute im Privaten hat, streift selbst er sich die Perücke ab und wird ohne all den offensichtlichen Pomp zu einem fehlbaren Mann mit wenigen Haaren, der schlicht des Rates einer einfachen Gärtnerin bedarf. Mit spitzen Fingern trägt er ihr dann ihre Topfpflanzen hinterher und einmal mehr beweist Alan Rickman so sein Gespür für feinen Humor und nuancierte menschliche Verhaltensweisen. Spannend ist auch die Darstellung der Frauen, denen es bei Hofe untersagt ist, von ernsthaften Themen zu reden, und die sich so eben in ihrem privaten Gesprächskreis treffen. Nach und nach legt Die Gärtnerin von Versailles so die Schichten aus Volants, Puder und den Zwängen des Hofprotokolls frei und deutet die menschlichen Schicksale darunter an.

Die Liebesgeschichte zwischen Sabine und André mag vielleicht die Geschichte vorantreiben, letztlich ist sie aber nur ein Gimmick on top dieser artifiziellen, Baiser-artigen Anordnung. Was am Ende des Films zurückbleibt, ist ein gutes, luftig-süßes Gefühl. So, als hätte ich gerade in ein Macaron gebissen.

Kinostart: 30. April 2015

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Eine Antwort zu “ALAN RICKMAN: DIE GÄRTNERIN VON VERSAILLES

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