GIANFRANCO ROSI: SACRO GRA – DAS ANDERE ROM

In der Ferne winden sich flackernde Lichter durch die Dunkelheit. Hintereinander weg beschreiben sie eine geschlängelte, endlose Linie. Dann befinden wir uns mitten unter ihnen und die Kamera zoomt nah an sie heran. Es sind Autos, auf der Autobahn fahrend, die sich ringförmig um die Ewige Stadt legt: der Grande Raccordo Anulare, kurz GRA – Sacro GRA.

© Kairos

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Er ist die Lebensader, die all die kleinen Beobachtungen, Anekdoten und Episoden miteinander verbindet, die der Regisseur Gianfranco Rosi in seinem Dokumentarfilm zusammen gebracht hat. Sacro GRA wurde im Jahre 2013 als erste Doku mit dem Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig ausgezeichnet. Drei Jahre lang ist Rosi dafür um Rom gekreist und hat Existenzen ausfindig gemacht, die ihr Leben entlang der Autobahn führen. Während sie ihren Tätigkeiten nachgehen, sehen sie im Hintergrund stets das graue Band. Und wenn sie es nicht sehen, so nehmen sie doch das nie abreißende Grundrauschen wahr. Da gibt es einen superreichen Adligen, der seine Villa für Fotoshootings vermietet und mit Vorliebe Zigarren in seiner goldenen Badewanne pafft, einen Biologen, der sich um die käferbefallenen Palmen Italiens sorgt, zwei in die Jahre gekommene Prostituierte im Wohnwagen an einer Ausfallstraße oder einen Rettungssanitäter, der tagtäglich die Überreste von Unfallopfern von der Straße kratzt.

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Der GRA umgebe Rom wie die Ringe den Saturn, so lautet das Zitat zu Beginn des Films – und damit ist die Stimmung für die anschließenden anderthalb Stunden gesetzt. Die sonst für ihre kulturellen Schätze und touristischen Hotspots bekannte Stadt wird in ihren Ausläufern zum Planeten der Melancholie und nicht selten auch der Lethargie und Tristesse.

Sacro GRA wird so weniger zu einem Film über eine Autobahn, als vielmehr zu einem Portrait über den Teil der italienischen Gesellschaft, den man auf Kurztrips zum Shoppen nach Mailand oder in die Vatikanischen Museen kaum wahrnimmt. Vor allem das Gefühl von Einsamkeit spielt hier eine große Rolle, auch wenn das Typen wie der ewig rauchende Adlige wahrscheinlich nie zugeben würden. Aber wenn er morgens mit stoischer Mine Frühsport auf seinem Dach treibt, der Biologe sich die Kopfhörer aufsetzt, um wieder in seine Palmen hineinzuhorchen oder der Sanitäter seine greise Mutter in ihrer dunklen Wohnung besucht und Abends mit seiner weit entfernten Familie skypt, dann scheint eine undurchdringliche Käseglocke aus unterschwelliger Traurigkeit über Rom zu liegen. Zu einem weiteren Sinnbild dieser Anonymität wird auch ein Hochhaus zwischen Autobahn und Flughafen, durch dessen Fenster der Regisseur die einzelnen Familien in den winzigen Appartments im Inneren betrachtet. Während sie ihren Tätigkeiten nachgehen, drängt sich der Vergleich mit einem Ameisenhügel auf, nur die Zusammenarbeit klappt hier weniger gut.

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Gianfranco Rosi arbeitet all seine kleinen Geschichten nicht hintereinander weg ab, so wie man an einer Autobahnausfahrt nach der Anderen vorbei rauscht. Er kehrt immer wieder und wieder zu seinen Protagonisten zurück, und obwohl diese Redundanz unter Umständen anstrengend für uns Zuschauer werden kann, passt sie doch sehr konsequent zur melancholischen Stimmung von Sacro GRA.

Etwas stößt bei der Sichtung dieses sonst so gelungenen kleinen Werks dann aber doch auf: Frauen sind hier komplett unterrepräsentiert. Wenn sie zu Wort kommen, entsprechen sie den alten Stereotypen der Huren und Heiligen (Rosi dreht auch bei einer Messe unter freiem Himmel, auf der Nonnen und überzeugte Katholikinnen entrückt auf überbelichteten Bildern gen Himmel schauen). Werden Frauen hingegen in alltäglichen Situationen gezeigt, stehen sie meist nur wie zur Dekoration in der Gegend herum, während ihre Männer sich mehr oder weniger sinnvoll den Mund fusselig reden.

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Nein, der Regisseur propagiert nicht willentlich ein veraltetes Frauenbild oder heißt es ausdrücklich gut. Überhaupt ist Sacro GRA kein Film, der erklären oder argumentieren will. Stattdessen verlegt er sich aufs Beobachten, Zeigen, Sichtbarmachen. Und so zeigt er auch nur, was in der italienischen Gesellschaft oft noch sehr verankert scheint: nämlich, dass Frauen oft vornehmlich als Dekorationsobjekte angesehen werden. Trotzdem ist es schade, dass Gianfranco Rosi diese Chance vergibt, ein ausgewogeneres Bild zu zeichnen. In drei Jahren der Recherche wäre er mit ein wenig gutem Willen entlang seiner Route ganz sicher auch auf starke Karrierefrauen gestoßen, die interessante Dinge zu sagen gehabt hätten. Man muss sie eben nur zeigen.

Kinostart: 26. März 2015

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Eine Antwort zu “GIANFRANCO ROSI: SACRO GRA – DAS ANDERE ROM

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