BERLINALE GENERATION 2015: SHORT SKIN

Was für eine Ironie, dass Short Skin ausgerechnet in Pisa spielt, der Stadt, deren Wahrzeichen ein schiefer Turm ist. Ansonsten gilt hier ein Motto als Problem, mit dem sich sicher viele auf die ein oder andere Weise identifizieren können: oversexed and underfucked. Nur, dass das Problem hier noch ein bisschen weiter geht. Welcome again auf der inoffiziellen Berlinale der Penisse.

© Berlinale

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Edoardo (Matteo Creatini) leidet seit seiner frühsten Kindheit an einer üblen Phimose, also einer schmerzhaften Vorhautverengung. Weil er sich vor einem eventuellen Eingriff oder anderen Konsequenzen fürchtet, schweigt er gegenüber seinen Eltern und Freunden. Nur: mittlerweile ist er nicht mehr der niedliche Fünfjährige. Edo steckt mitten in der Pubertät und alles dreht sich um das Eine. Sein bester Freund Arturo (Nicola Nocchi) redet sogar davon sich umzubringen, wenn er nicht bis Ende des Sommers endlich Sex hatte. Und dann sind da die Mädchen. Die aufregende Nachbarin Bianca (Francesca Agostini) zum Beispiel oder die äußerst interessante Sängerin Elisabetta (Miriana Raschillà). Aber wie soll sich Edo trauen den ersten Schritt zu wagen, wenn ihn schon allein Masturbation schmerzt?

Mit Short Skin hat der italienische Regisseur Duccio Chiarini eine sehr spannende Variation des Coming of Age-Genres abgeliefert. Er nimmt sich eines Themas an, das wahrscheinlich niemand sonderlich gern thematisiert – schon gar nicht pubertäre Jungs. Aber er behandelt es so behutsam und charmant, dass Berührungsängste während des Films schnell verloren gehen. Denn von Anfang an konzentriert er sich auf seinen Protagonisten als einen sensiblen Jungen mit reichlich Zweifeln, der darüber aber noch lange nicht in der Lage ist, seine Grundsätze und Ansichten über Bord zu werfen. Ganz anders als beispielsweise sein bester Freund, der zumindest zu Beginn als einigermaßen sexistisch-arschlochiger Möchtegernmacho daherkommt.

© Berlinale

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Überhaupt scheint Edos ganzes Umfeld von Sex geradezu besessen zu sein. Seine kleine Schwester Olivia (Bianca Ceravolo) wirft lakonisch mit vulgären Ausdrücken um sich, die Eltern streiten lauter als sie vielleicht sollten über ihre Schlafzimmerflaute und für den knuffigen Familienhund wird angestrengt nach einem paarungsbereiten Weibchen gesucht. Sogar für Edos Doktor scheint nur zu zählen, dass er endlich zum Zug kommt. Es könnte dabei durchaus der Eindruck einer etwas zu bemühten Übertreibung entstehen, denn in Short Skin wird einfach alles und jeder thematisch (und dankenswerterweise nicht visuell) sexualisiert – selbst ein Octopus. Andererseits: wer kennt das nicht? Von einem Thema so besessen zu sein, dass man an allen möglichen und unmöglichen Stellen Hinweise darauf findet. Duccio Chiarini nimmt seine Zuschauer mit hinein in diese überaus anstrengende Gefühlswelt und schafft auf diese Weise viel Empathie für Edo.

Während die halbe Welt sich hauptsächlich darum kümmert, wie Mädchen ihr erstes Mal körperlich und mental wahrnehmen, sind es hier die Probleme der Jungs, die thematisiert werden. Und zwar angenehmerweise ohne jegliche Machismo-Attitüde. Auch Arturos große Sprüche entpuppen sich nämlich irgendwann als schlichte Kompensation. Stattdessen sind es hier die jungen Frauen, die die Initiative ergreifen und sich schlichtweg nehmen, was sie wollen. Bianca setzt gegen alle Widerstände irgendwie ihre Zukunftspläne durch, Elisabetta weiß ganz genau, was sie tut und Olivia interessiert sowieso nicht, was andere denken. Dabei fallen auch die Casting-Entscheidungen Chiarinis positiv ins Auge, besetzt er seine Rollen doch durchweg nicht nur nach formelhaften Schönheitsidealen, sondern lässt vor seiner Kamera eine wunderbar authentische Diversität und damit eben auch Normalität zu. Insofern ist Short Skin genau die Sorte Film, die ich mir für pubertäre Teenager wünsche.

Short Skin auf der offiziellen Berlinale-Website

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Eine Antwort zu “BERLINALE GENERATION 2015: SHORT SKIN

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