BERLINALE SPECIAL 2015: THE LOOK OF SILENCE

Obwohl The Act of Killing leider bis heute nur auf meiner To-Watch-Liste steht, war sofort klar, dass ich The Look of Silence irgendwie in mein diesjähriges Berlinale-Programm quetschen musste. Zugegeben war das ein ganz schöner planungstechnischer Kraftakt. Aber es hat sich gelohnt. Und das nicht nur, weil Joshua Oppenheimer und der ausführende Produzent Werner Herzog (dem ich in diesem Leben unbedingt noch mal für die Affen-Monologszene mit Kinski in Aguirre – Der Zorn Gottes danken muss) für ein anschließendes Gespräch vor Ort waren.

© Lars Skree

© Lars Skree

The Look of Silence bildet gemeinsam mit seinem Vorgängerfilm ein Diptychon, das sich mit einem Thema auseinandersetzt, das in den Geschichtsbüchern auf der ganzen Welt bis heute wesentlich zu kurz kommt. Ja, das noch nicht einmal an den Orten des Geschehens überwunden, geschweige denn aufgearbeitet ist. Im Indonesien der 1960er Jahre bildeten sich infolge politischer Umstürze brutale paramilitärische Truppen, die Massaker an über einer Million angeblicher Kommunisten verübten. Noch heute leben die Killer von damals unbehelligt in ihren Dörfern, Tür an Tür mit den Familien ihrer Opfer. Und es geht noch weiter: bis heute werden sie von der Regierung und weiten Teilen der Bevölkerung als Helden verklärt und bekleiden hohe Ämter bis hinein in die Regierung.

Nachdem der indonesisch-stämmige Deutsch-Amerikaner Joshua Oppenheimer in The Act of Killing die mittlerweile alt gewordenen Täter ihre damaligen Verbrechen nachstellen ließ, dokumentiert er in The Look of Silence, was es mit einer Gesellschaft macht, wenn sie über Jahrzehnte ein unausgesprochenes Trauma mit sich herumträgt. Kaum jemand will über die Ereignisse der 1960er Jahre sprechen, zu groß ist die Angst noch heute vor den Folgen. Es sei, so erklärte der Regisseur im Gespräch, für ihn in Indonesien gewesen, als sei er vierzig Jahre nach dem Holocaust nach Deutschland gekommen, und die Nazis seien noch an der Macht gewesen.

Nachdem man The Look of Silence gesehen hat, kann man dieses Gefühl ohne Weiteres nachempfinden. Oppenheimer begleitet Adi aus dem Norden Sumatras, der vor Jahren seinen älteren Bruder Ramli an die mordenden Truppen verloren hat. Mit seinen greisen Eltern spricht er über ihre Erinnerungen, bevor er sich aufmacht, um die Täter zu sehen. Als Optiker zieht er durch die Dörfer, lässt die alten Männer Brillengläser aufprobieren und verwickelt sie dabei in Gespräche über ihre Taten, ihre Sicht der Dinge und ihr heutiges Leben. Mehr als einmal stockt dabei der Atem. Die Brutalität, mit der die Paramilitärs in Indonesien wüteten ist unvorstellbar. Joshua Oppenheimer findet einen so intensiven wie behutsamen Weg, um diesen ersten Schritt in Richtung Aufarbeitung anzugehen. Es ist weder ihm, noch Adi daran gelegen, die Täter mit allen Mitteln bloßzustellen oder sich gar zu rächen.

© Lars Skree

© Lars Skree

Es geht vielmehr um den Versuch, überhaupt über die Vergangenheit zu reden. Die gewählte Perspektive geht dabei unheimlich nah an die Betroffenen heran, zeigt ihre Gespräche, inszeniert aber auch ihr Schweigen. Auch im anschließenden Gespräch zwischen Oppenheimer und Herzog wird dieses Stilmittel zum Thema: wie die Kamera schwenkt, als befänden sich die Menschen in einem ganz normalen Dialog. Aber es herrscht drückende Stille und beim Zuschauer nicht selten ein dicker Kloß im Hals. The Look of Silence legt es aber nicht nur auf Betroffenheit an, sondern auf einen möglichst weiten Blick. Der Film bekommt seine besonders persönliche Note im Haus von Adis Eltern. Viel Trauer und Wut herrscht dort ob des frühen Todes des Sohnes. Aber auch ein bewundernswertes Durchhaltevermögen und pure Freude, wenn Adis greiser und seiner Erinnerungen entledigter Vater ein Lied aus seiner Jugend zu singen beginnt. Und letztlich kommt auch die Hoffnung nicht zu kurz, wenn sich die Tochter eines früheren Täters stellvertretend für ihren Vater bei Adi entschuldigt.

Dass es bis zur endgültigen Erfüllung dieser Hoffnungen noch viel zu tun gibt, zeigt spätestens der Abspann, in dem ein gutes Drittel der Beteiligten nur mit dem Vermerk ‚Anonym‘ genannt werden kann. Auch Adi selbst musste mit seiner gesamten Familie umgesiedelt werden, um eventuellen Racheakten zu entgehen. Joshua Oppenheimer selbst kann seit der Veröffentlichung seiner beiden Filme nicht mehr ohne Gefahr in Indonesien einreisen. Die Arbeit geht weiter. Um das Diptychon zu vervollständigen, erstellt der Regisseur ein frei zugängliches Archiv mit den aberhunderten Stunden Filmmaterial, das er im Laufe seiner Recherchen aufnahm. Damit die Stille nicht bleibt.

The Look of Silence auf der offiziellen Berlinale-Website

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3 Antworten zu “BERLINALE SPECIAL 2015: THE LOOK OF SILENCE

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