BERLINALE FORUM 2015: BEIRA-MAR

© Berlinale

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Ein Haus am Strand, das rauschende Meer im Hintergrund. Wir sind in Brasilien, aber nicht gerade in dem Brasilien, das wir mit Copacabana und Ipanema verbinden. Sondern in einem kleinen Küstendorf im Süden des Landes. Es ist Winter, kühler Wind pfeift und die Wellen rollen unablässig heran. Hier in dem Haus direkt am Wasser sind Martin (Mateus Almada) und sein bester Freund Tomaz (Maurício José Barcellos) für ein paar Tage untergekommen. Martin hat einige familiäre Angelegenheiten zu klären, eine Vergnügungsreise ist das also nicht gerade.

Aber wenn man schon mal da ist, kann man auch versuchen Spaß zu haben. Das brasilianische Coming of Age-Drama Beira-Mar (Seashore) von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher läuft im Forum der 65. Berlinale und erzählt aus dem Leben zweier Jungs, die sich selbst noch nicht ganz gefunden haben. Die sich mit der Liebe und der pubertären Selbstfindung herumschlagen so wie hunderte andere Jugendliche auch. Sie feiern, sie trinken, ab und zu gibt es einen Joint und als eines Abends befreundete Mädchen für eine Homeparty vorbeischauen, ist recht schnell klar, wer mit wem im Zimmer verschwindet.

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Vielleicht ist es aber auch nicht so klar. Denn plötzlich ist da die Rede von Tomaz und seinem Freund, von Dates und wie fühlt es sich eigentlich an, einen Jungen zu küssen? Und wieso hast du mir eigentlich all die Jahre nichts gesagt? Die Regisseure haben aus Beira-Mar keine vorrangig politische Sozialstudie gemacht, auch keinen quasi exemplarischen Film über Homosexualität in Brasilien. Der Film ist eher eine individuelle Beobachtung geworden. Und dann auch wieder nicht, denn er ist seinen Figuren nicht besonders nah. Er erklärt sie nicht, deutet ihre Vergangenheit und Charaktere nur an. Psychologisch-literarische Deutungen führen hier nicht weit, wer Beira-Mar schaut, soll lieber fühlen und ertasten. Immer wieder schleicht sich die Kamera ganz nah an die Protagonisten heran, ohne je einen Ruhepunkt zu finden. Sie bleibt in Bewegung, rastlos, kreist unablässig und immer wenn sie kurz stoppt, ist es eben eine Unschärfe, die uns im Moment der intimen Annäherung sofort wieder distanziert.

Man mag diese Herangehensweise vielleicht für wenig originell halten: die Figuren suchen etwas, also sucht auch die Kamera. Tatsächlich geht das Konzept aber durchaus auf. Gefühlt unendlich viele Filme musste ich in letzter Zeit sehen, die ihre Coming of Age-Thematik und die sexuelle Selbstfindung auf nichts weiter als voyeuristischen Trash und Küchenpsychologie zurückführen wollten. Beira-mar zeigt, dass eine Romanze auch heute noch völlig unironisch erzählt werden kann, ohne dabei endlos kitschig zu sein. Nach nur 83 Minuten ist alles vorbei – und zurück bleibt das Gefühl, etwas Schönem beigewohnt zu haben.

Beira-Mar auf der offiziellen Berlinale-Website

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Eine Antwort zu “BERLINALE FORUM 2015: BEIRA-MAR

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