CÉLINE SCIAMMA: GIRLHOOD

Eben noch stand Girlhood ganz oben auf der Liste meiner verpassten Filme des Jahres 2014, nun ist es der erste Film meines Kinojahres 2015. Der Film von Céline Sciamma, der die letzte Quinzaine des Réalisateurs eröffnete, heißt im französischen Original Bande de Filles. Der Titel passt wesentlich besser als die englische Entsprechung. „Bande“ – das Wort bedeutet nicht nur Bande im Sinne einer Gang, sondern bezeichnet auch ein stoffliches Band. Das trifft schon viel eher, was wir hier sehen. Nicht nur eine Gang, sondern einen Mädchenbund. Girlhood erzählt nicht aus einem beliebigen Leben eines beliebigen Mädchens, sondern von einer starken Protagonistin inmitten unzähliger Bünde, Verbünde, Hierarchien und Regeln.

© fsk Kino & Peripher Filmverleih GmbH

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Marieme (Karidja Touré) lebt in einem Pariser Vorort. Grauer Beton und rissige Plattenbauten bestimmen das Bild ihrer Umgebung. Aber das ist gar nicht so sehr ihr Problem. Mariemes Problem ist vielmehr, dass ihr Leben, ihre Zukunft, ihre Entscheidungen nicht ihr gehören. Zuhause wacht der Bruder über ihr Privatleben, für die weiterführende Schule reichen die Noten nicht aus, aber sich einen schlechten Job suchen und darüber versauern wie ihre überarbeitete Mutter will sie auf keinen Fall. Aus Frust schließt sich Marieme einer Gruppe Mädchen an. Lady (Assa Sylla), Adiatou (Lindsay Karamoh) und Fily (Marietou Touré) machen den Eindruck junger, selbstbewusster Frauen, die in vollen Zügen ihre Jugend genießen.

Girlhood fühlt sich an, als sei Céline Sciamma dafür in ein nahezu hermetisch abgeschlossenes Universum eingetaucht. Es existieren in diesem Universum fast keine Erwachsenen und praktisch auch keine Weißen. Die Filmemacherin zeigt dieses Milieu ganz genau so unbeachtet von der übrigen gesellschaftlichen Öffentlichkeit, wie es ist. Ohne falsche Betroffenheit. Hinaus geht es nicht. Aber diese Anstrengung unternimmt auch kaum jemand – wieso denn auch? Irgendwie funktioniert es ja. Jede Gang hat ihre_n Anführer_In mit der unangefochtenen Entscheidungsgewalt, Werte wie Pünktlichkeit und Loyalität werden hoch geschätzt, spielerische Machtkämpfe verbal, Ernsthafte körperlich ausgetragen. Sieger und Verlierer – so sind die Rollen klar verteilt. Diese Welt ist aber nicht nur eine Welt der Gewalt und Perspektivlosigkeit. Wie jede Normalität hat sie ihre Vorzüge, ihre Illusionen und schönen Augenblicke. Wenn Marieme mit ihrem Team Football spielt oder sich mit ihren Freundinnen Wasserschlachten liefert, dann ist da eine entspannte und zuversichtliche Ausgelassenheit, ganz gegenwärtig im Hier und Jetzt. Und wenn die vier jungen Frauen in einem Hotelzimmer zu Rihannas Song „Diamonds“ tanzen, dann ist das ein geradezu erhabener Moment.

© fsk Kino & Peripher Filmverleih GmbH

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Girlhood ist vor allem ein feministischer Film, der den nur allzu deutlich präsenten Alltagssexismus und die damit einhergehenden bizarren Paradoxien zeigt. Frauen werden von den Männern (oder besser gesagt Jungs) des Viertels zwar permanent sexualisiert und angebaggert, auf der anderen Seite verbieten Brüder aber ihren Schwestern den Sex, weil die „verletzte Ehre“ ein schlechtes Licht auf sie selbst würfe. Die allgegenwärtige Kontrolle über die Frauen geht so weit, dass ihnen in gewisser Weise gar der Mund verboten wird. Eine laut lachendes und schwatzendes weibliches Footballteam verstummt augenblicklich, wenn im heimische Wohngebiet wieder die Halbstarken sitzen und zweifelhafte Sprüche fallen. Die Frauen fügen sich in ihre Rolle und die Übergänge zwischen Einschüchterung und perfektionierter Coolnesspose sind dabei fließend.

© fsk Kino & Peripher Filmverleih GmbH

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Céline Sciamma fällt es gar nicht ein, die Existenz solcher prekären Verhältnisse zu leugnen oder kleinzureden. Aber indem sie das Universum ihrer Geschichte so genau und vielfältig zeigt, lässt sie ihre Figuren nie zu Opfern werden, die den Umständen oder den Männern passiv ausgeliefert sind. Marieme nennt sich ab sofort Vic – wie in Victoire, Sieg – und das ist auch der Sieg des ganzen Filmes. Er zeigt sie als  eine Kämpferin für ihre Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit. Sie übernimmt Verantwortung für sich, selbst wenn die Entscheidung schwer fällt. Die Regisseurin findet wunderbare Bilder, um diese Geschichte einer mentalen und körperlichen Selbstermächtigung zu erzählen. So spielt beispielsweise die Farbe blau eine wichtige Rolle in Girlhood. Im blaustichigen Licht tanzen die Mädchen, und in einem monochromen Blau sind auch die Wände in der Wohnung von Vics Familie gestrichen. Immer wieder sehen wir sie in der Großaufnahme,  mit diesem tiefen, paralysierenden Nichts hinter sich. Bei ihrem ersten Kuss ist wieder dieses Blau im Hintergrund – aber diesmal nicht völlig unstrukturiert, sondern in Form hunderter kleiner Mosaikfliesen. Ständig ist der Raum um Marieme/Vic stark begrenzt – abgesehen von diesen Momenten, in denen sie ihre Zukunft selbst in die Hand nimmt.

Derer gibt es viele in Girlhood, und deshalb macht es auch so viel Spaß, diesen Film zu sehen. Wegen seiner starken Protagonistinnen, seiner hypnotisch schönen Bilder, seiner klug beobachteten Symbole, seiner Sogkraft entwickelnden Atmosphäre, seiner Zukunftsgerichtetheit, wegen seines Mutes. Bande de Filles.

Kinostart: 26. Februar 2015

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Eine Antwort zu “CÉLINE SCIAMMA: GIRLHOOD

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