MEIN KINOJAHR 2014

Geht das überhaupt? In kurz und knappen Listen Filme ranken und das dann als Top 10 des Jahres präsentieren? Ich bin mir da nicht so sicher. Als eine Art schnelles Tagebuch am Ende des Monats mag dieses Prinzip für mich vielleicht noch funktionieren. Wenn es aber um die besten Filme des Jahres geht, kann ich mich nur schwer für eine feste Reihenfolge entscheiden. Zu unterschiedlich und vielfältig sind die Stärken und Schwächen der Filme. Deswegen gibt es auf l’âge d’or heute einen kleinen Rückblick der anderen Art. Meine liebsten Filmmomente, Figuren und Highlights des Jahres 2014.

Bester Darsteller: Jake Gyllenhaal in Nightcrawler von Dan Gilroy

© Concorde

© Concorde

Der ganze Film Nightcrawler war in diesem Jahr eine riesige Überraschung für mich. Im Mittelpunkt der tollwütigen Mediensatire steht Jake Gyllenhaal. Ebenfalls eine Überraschung, denn den führte ich bisher eher unter „Ferner liefen…“. Hier hatte er mich schon mit dem ersten Teaser. Seine Art zu spielen ist nicht nur deshalb so beeindruckend, weil er für die Rolle sichtlich und besorgniserregend abgemagert ist. Sondern auch, weil er eine intensiv manische und besessene Art an den Tag legt, von der sich der Zuschauer bis zum bitteren Ende nicht lösen kann. Obwohl die Figur durchgängig unsympathisch bleibt. Diesen Spagat muss man erstmal meistern.

Beste Darstellerin: Ronit Elkabetz in GET – Der Prozess der Viviane Amsalem von Ronit & Shlomi Elkabetz

© Salzgeber

© Salzgeber

Ich kann mir gut Namen merken. Und auch Gesichter – ich kann die beiden nur oft nicht zusammenbringen. Von Ronit Elkabetz hatte ich bis zu GET – Der Prozess der Viviane Amsalem noch nie etwas gehört oder gesehen. Aber eines weiß ich genau: nach dem Film werde ich ihren Namen und ihr Gesicht nie wieder vergessen. Elkabetz führte hier nicht nur Co-Regie, sondern spielt auch die Heldin der Story mit einem so stoischen Stolz, mit leidgebeugter Zerbrechlichkeit, aber auch so starker Haltung, dass in ihr Gesicht die komplette Essenz des Filmes eingeschrieben ist. Unbedingt anschauen!

Beste Figurenzeichnung: Sandra (Marion Cotillard) aus Zwei Tage, Eine Nacht der Dardenne-Brüder

© Alamode

© Alamode

Zwei Tage, Eine Nacht der Dardenne-Brüder hat wegen seiner unaufgeregt redundanten Erzählweise und der nicht unbedingt originellen Passionsgeschichte nicht Alle überzeugt. Für mich war die Form des Films aber perfekt, um einen tiefen Blick ins Innere der Hauptfigur zu werfen. Noch nie habe ich auf der Leinwand eine Depression gesehen, die der Realität so sehr gerecht wird: als eine einsame, stille, von außen kaum nachzuvollziehende Krankheit, die den Betroffenen von Innen zerfrisst. Mit kleinen, unvorhersehbaren Momenten der leisen Hoffnung – so wie in diesem wunderbaren Clip:

Schlechteste Figurenzeichnung: Mika (Kevin Durand) aus The Captive von Atom Egoyan

© Ascot Elite

© Ascot Elite

Aber leider geht es auch anders. The Captive von Atom Egoyan war generell ein sehr ärgerlicher Film – dem Ganzen die Krone aufgesetzt hat aber die Figur des Bösewichts. Mika hat ein kleines Mädchen entführt und hält sie Jahre lang gefangen. Natürlich ist er damit unzweifelhaft der Antagonist in der Geschichte. Aber wie Egoyan ihn hier als eindimensional perfides, pädophiles Monster zeigt, wird einem ungeheuer komplexen Thema einfach nicht im Ansatz gerecht. Sehr ärgerlich.

Originellste Doku/Beste Live-Performance: Nick Cave in 20.000 Days On Earth von Jane Pollard & Iain Forsyth

© Rapid Eye Movies

© Rapid Eye Movies

Nick Cave war nie einer meiner Lieblinge – bis zu dieser Doku. 20.000 Days On Earth arbeitet mit einem irrsinnig spannenden, semifiktionalen Konzept. Und ganz groß sind die in den Film eingebundenen Performances. Nick Cave and the Bad Seeds bei Aufnahmen im Soundstudio (der großartige Song „Higgs Boson Blues“) oder wie er bei Konzerten regelrecht in sein Publikum hineinkriecht und eine unglaubliche Präsenz entwickelt. So wie am Ende, inklusive minimal kurzer Ausschnitte aus früheren Konzerten, wunderbar montiert. Hier singt er „Jubilee Street“ – und macht mich damit endgültig zu seinem Fan.

Interessantestes theoretisches Konstrukt: Höhere Gewalt von Ruben Östlund

© Alamode

© Alamode

Skandinavien ist in Sachen Gleichstellung der Geschlechter relativ weit. Umso spannender, dass es hier ein schwedisches Paar ist, das nach einer Lawine seine Beziehung neu ordnen muss. Denn der Vater hat im Angesicht der Katastrophe egoistisch seine Familie im Stich gelassen. Ist er deswegen weniger männlich? Diese Frage wird in Höhere Gewalt unheimlich vielschichtig und ausführlich diskutiert – und wird sogar für befreundete Paare in der Theorie zum Problem. Definitiv ein Film zum mehrmals sehen.

Schönstes Leinwandpaar: Caroline (Hannah Herzsprung), Charlotte (Henriette Confurius) & Schiller (Florian Stetter) in Die Geliebten Schwestern von Dominik Graf

© Senator

© Senator

Mein allererster Dominik Graf-Film – und gleich ein Erfolg auf ganzer Linie. In Die Geliebten Schwestern gibt es eine sehr interessante Dreiecksbeziehung zu begleiten, die ihrer Zeit und Gesellschaft um Welten voraus sind. Und dabei sind die Frauen die viel interessanteren und vielschichtigeren Figuren.

Am Berührendsten: Like Father, Like Son von Hirokazu Kore-eda

© Film Kino Text

© Film Kino Text

Das war eine wirkliche Überraschung. Mit Kindern kann ich doch eigentlich überhaupt nichts anfangen. Und dann hat mir Like Father, Like Son doch derartig die Tränen in die Augen getrieben. Allerdings ganz ohne jede billige Manipulation. Dafür in wunderschön gefilmten Bildern, nüchterner und unparteiischer Erzählweise und mit einer Vielzahl aufgeworfener Fragen, die ein jeder sich stellen sollte.

Bester Bösewicht: Terence Fletcher (J.K. Simmons) in Whiplash von Damien Chazelle

© Sony

© Sony

J.K. Simmons war lange der ewige Nebendarsteller in Hollywood. Mit Whiplash ist das vorbei. In dieser Wucht von einem Film spielt er einen herrischen Musiklehrer, der seine Schüler zu nahezu unmenschlichen Leistungen antreibt. Und das macht er unterhaltsam, brillant, großartig. Empfiehlt sich unbedingt im Original anzuschauen.

Effizienteste Erzählweise: Lucy von Luc Besson

© Universal

© Universal

Lucy habe ich mir eigentlich nur so als netten Füllstoff für Nebenbei angesehen. Der unterhaltsame Streifen von Luc Besson hat es mir vor allem deshalb angetan, weil er so unheimlich effizient erzählt. Der Film behandelt so große, epische Themen wie Künstliche Intelligenz und dauert dabei doch nur straffe 89 Minuten. Darin ist alles enthalten. Anderthalb Stunden Spaß.

Schönste Musik: Clouds of Sils Maria von Olivier Assayas

© NFP

© NFP

Mit Clouds of Sils Maria hat mich Olivier Assayas unerwarteterweise zum Weinen gebracht. Und das nicht mit emotionshascherischem Geklimper, sondern mit zwei wunderbar eingesetzten barocken Stücken: der Pachelbel-Kanon und das Largo Xerxes plätschern vor sich hin, während die Wolken majestätisch durch die Bergtäler fließen. Auf akustischer, visueller und symbolischer Ebene ein perfektes Bild für das unaufhaltsame Voranschreiten der Zeit. Was war ich hin und weg. Der Trailer bietet dafür einen kleinen Vorgeschmack:

Spannendste Produktionsgeschichte: Boyhood von Richard Linklater

© Universal

© Universal

Apropos Zeit: über 12 Jahre hinweg drehte Richard Linklater und seine Crew an Boyhood, jeweils eine Woche pro Jahr. Das macht den Film zu einer authentischen und unterhaltsamen Chronik seiner Zeit. Ich habe als kleines Mädchen auch in meinem Zimmer „Ooops… I Did It Again“ in meine Haarbürste gesungen, brauchte den neusten Harry Potter-Band noch am Abend seines Erscheinens, habe die Finanzkrise in den Nachrichten verfolgt und beim Wahlkampf 2008 für Obama mitgefiebert. Ha, das war super.

Beste Tanzszene: Test von Chris Mason Johnson

© PRO-FUN media

© PRO-FUN media

Test lief im Panorama der Berlinale 2014 und hatte dramaturgisch durchaus seine Schwächen. Die sorgfältig choreografierten Tanzszenen waren aber der pure Wahnsinn, wirklich wahr. Einerseits wegen der begabten Tänzer, andererseits wegen der expressiven Ausleuchtung und weil die Choreografien eben so kraftvoll die Krux des Films zum Ausdruck bringen. Aber darüber will ich gar nicht zu viele Worte verlieren, denn die Szenen funktionieren auch für sich stehend. So wie diese hier:

Am Putzigsten: Baymax aus Baymax – Riesiges Robowabohu von Don Hall & Chris Williams

© Disney/Marvel

© Disney/Marvel

„Ooooh, genau so Einen will ich auch“, dachte ich die ganze Zeit, während Baymax – Riesiges Robowabohu lief. Ernsthaft – wenn dieser riesige, weiche, lebendige Marshmallow seine Weisheiten los wird, in Trippelschritten durch enge Räume navigiert oder seine integrierte Wärmefunktion einschaltet, da schießt dir die Milch ein. Mit Baymax habe ich Tränen gelacht und geweint.

Grausamste Tristesse: Party Girl von Samuel Theis, Claire Burger & Marie Amachoukeli-Barsacq

© Pyramide

© Pyramide

Mit seinem Eröffnungsfilm Party Girl hat die diesjährige Cannes-Sektion Un Certain Regard ihre Latte ziemlich hoch gehängt. Erzählt wird von einer ältlichen Animierdame im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Frankreich – und die Hauptdarstellerin ist tatsächlich die Mutter des Regisseurs, wie sie leibt und lebt. Das wirkt oft furchtbar trist und tragisch, wird andererseits aber mit so viel Respekt für die Figuren erzählt, dass man zu keiner Zeit auf sie herabsieht. Ganz großes Kino.

Schönster Look: Her von Spike Jonze

© Warner Bros

© Warner Bros

Meinen Text über Her habe ich mit dem Schlagwort ‚Retrofuturistischer Fortschrittskonservatismus‘ überschrieben. Aber zum Glück ist der Film von Spike Jonze eben das gerade nicht, auch wenn man bei dem Look zuerst durchaus denken könnte, hier werde Zukunft gegen Vergangenheit ausgespielt. Ist aber nicht so. Sieht trotzdem toll aus, die Kombi aus 70er Jahre-Retrolook mit futuristischen Elementen.

Schönster Moment: Mommy von Xavier Dolan

© Weltkino

© Weltkino

Wenn es um den allerschönsten Filmmoment geht, könnte ich hier im Grunde den kompletten Film posten, denn Xavier Dolans Mommy ist von vorne bis hinten umwerfend wunderschön. Die allerbeste Szene ist eigentlich die auf dem Foto. Die gibt es allerdings nirgends als Clip. Und eigentlich ist das auch besser so, denn sie wirkt am intensivsten, wenn sie ganz unvorbereitet im Kino genossen wird. Stellvertretend gibt es hier also eine andere Sequenz zu sehen. Und zwar eine sehr Berührende. Nicht weiter quatschen, einfach anschauen, tanzen und mitsingen.

Auch schön: Gone Girl, Interstellar, Nymphomaniac I & II, Die Legende der Prinzessin Kaguya, Wie der Wind sich hebt, The Homesman, Can a Song Save Your Life?, Paddington, All is Lost, Im August in Osage County, Grand Budapest Hotel, Stories We Tell, The Way He Looks, Finding Vivian Maier, Vulva 3.0.

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Eine Antwort zu “MEIN KINOJAHR 2014

  1. Diese Brillenmädchensympahie, die ich direkt beim Vorschaubild des Clouds of Sils Maria Trailers spürte, könnte mir meine Urteilsfähigkeit für die Handlung beeinflussen. Ob ich den dann ansehen sollte?

    Ich freue mich schon auf deine weitere Rezeption des Dominik Graf Gesamtwerks. Bitte schau dir auch gerade die Fernsehfilme an. Besonders im Kontext solcher schematischen Reihen wie dem Tatort ist seine Arbeit sehr erfrischend. Im Angesicht des Verbrechens ist natürlich auch ganz großes Fernsehkino. Ich gehe bei deiner Herangehensweise aber auch davon aus, daß du ziemlich jedem Film ein wenig abgewinnen können wirst. Treffer, Die Katze oder auch Freunde der Freunde sind ganz gute Eckpfeiler, an die man einigermaßen leicht herankommt. Kleine Digitalfilme wie Hotte im Paradies haben auch gestalterisch ihren Reiz, weil es da viele Guerilla-Einstellungen gibt und die kleine Crew (2 Kameras, 1 Licht) auch in entsprechend engen Originalschauplätzen arbeiten konnte.

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