HONG KHAOU: LILTING

Ein atmosphärischer Klang dominiert die Tonebene von Lilting, sanfte, manchmal gläsern klirrende Musik, die in den Bann zieht. Und das muss auch so sein, denn auf die Sprache können wir uns hier nicht verlassen. Lilting ist die Geschichte einer behutsamen Annäherung zwischen zwei Menschen, die nur die Liebe zu einem Dritten verbindet. Und dieser Dritte ist plötzlich nicht mehr da.

© Salzgeber

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Als Kai (Andrew Leung) bei einem Autounfall stirbt, muss seine in die Jahre gekommene Mutter Junn (Cheng Pei-Pei) in ein Altenheim ziehen. Dort ist die Dame einsam, denn nach all den Jahren in England spricht sie noch kein Wort Englisch und hält lediglich an den Traditionen und Konventionen ihrer Kultur fest. Nach Kais Tod übernimmt dessen Freund Richard (Ben Whishaw) deshalb die Verantwortung und besucht Junn regelmäßig. Nur hat sie nie von der Homosexualität ihres einzigen Sohnes erfahren.

Lilting ist ein seltsamer kleiner Film. Einerseits nutzt er ganz die Mittel des Kinos: erzählt (zumindest für des Mandarin nicht mächtige Zuschauer) vorrangig in Bildern, in Tönen, Montagen und Blicken. Andererseits stellt er gerade auf diese Weise die Bedeutung des Wortes in den Mittelpunkt. Es gibt kaum Untertitel zu lesen, denn Richard engagiert die Übersetzerin Vann (Naomi Christie), die die Kommunikation mit Junn vereinfachen soll. Nur einfacher wird es dadurch nicht. Schnell stellen sich Missverständnisse ein, Ärger und Banalitäten, die entstehen, wenn Wichtiges zu lange Unausgesprochen bleibt.

© Salzgeber

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Lilting dampft große, komplexe Themen ein auf knappe anderthalb Stunden. Und obwohl der Film durchaus einen gewissen Sog entwickelt, ist das nicht immer die beste Entscheidung. Ein junger Mann, der seiner geliebten Mutter gegenüber nicht seine wahre Identität preisgeben kann und eine Mutter, die ihren Sohn durch Schuldgefühle an sich zu binden versucht, Trauer, sprachliche und kulturelle Barrieren und die Frage nach dem nötigen Grad der Anpassung an ein neues Leben werden hier verhandelt – wichtige Fragen, aktuell und oft sogar brisant. Kompensiert auf einen Film über Verständigungsprobleme. Und doch wirkt Lilting manchmal seltsam losgelöst von jeglichem Kontext, ja geradezu luftleer. Das mag daran liegen, dass wir kaum etwas über die Figuren erfahren – über ihre Geschichte und ihre Charakterzüge, ihre Motivationen und Psychologie. Sie bleiben auf Distanz, zueinander und zu uns. Es mag auch daran liegen, dass der Film lediglich in einem nostalgisch eingerichteten Altenheim und in Richards kühler Wohnung spielt, isolierten Orten der Erinnerung, der Vergegenwärtigung einer längst vergangenen Zeit. Oder daran, dass das Drehbuch immer wieder Plausibilität vermissen lässt.

© Salzgeber

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Starke Momente entwickeln sich hingegen vor allem in den Szenen mit Vann. Sie soll die neutrale Vermittlerin zwischen den Parteien sein, kann sich aber nur schwerlich heraushalten. Immer wieder reden Richard und Junn nicht mehr miteinander, sondern in all der hilfebedürftigen Ratlosigkeit nur noch mit ihr. „Übersetz das nicht“, heißt es dann und wieder einmal vertiefen sich die Gräben. Cheng Pei-Pei liefert eine überzeugende Performance ab, wenn sie mal aufblüht wie ein junges Mädchen und sich mal Falten der Verbitterung um ihre Mundwinkel ziehen. Und auch Ben Whishaw legt in seiner Rolle eine geradezu poetische Sensibilität an den Tag.

Trällernd, diese Übersetzung spuckt Leo als Entsprechung des Filmtitels Lilting aus. Aber das harte deutsche Wort trifft es nicht ganz. Es bezeichnet eher einen melodischen Singsang in der menschlichen Stimme oder bei einem Instrument. Diese melodiöse Poesie in seinem Spielfilmdebüt einzufangen ist dem chinesisch-kambodschianischen Regisseur Hong Khaou durchaus gelungen. Wer bei einem Film statt auf stringente Plausibilität mehr Wert auf eine meditative Stimmung legt, wird Lilting durchaus zu schätzen wissen.

Kinostart: 01. Januar 2015

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Eine Antwort zu “HONG KHAOU: LILTING

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