DON HALL & CHRIS WILLIAMS: BAYMAX – RIESIGES ROBOWABOHU

Man kann nur über Dinge wirklich schreiben, die man kennt. Comicverfilmungen kenne ich eher unterdurchschnittlich gut. Dafür lese ich momentan aber viel Stephen Shaviro, der sich mit allem auseinandersetzt, was das Label post-cinematic trägt. Nun ist ein Film aus dem Hause Disney/Marvel nicht unbedingt der Inbegriff des Post-Kinematografischen. Thematisch kann er aber durchaus in eine Reihe zeitgenössischer Filme gehören, die sich mit den typischen Motiven der Medien nach dem großen Zeitalter des Kinos befassen. Fortschritt und Wissenschaft, Kapitalismus, Technologie und künstliche Intelligenz und die Rolle des Menschen in all diesem Tohuwabohu.

Baymax – Riesiges Robowabohu basiert auf den Big Hero 6-Comics von Marvel und hat all diese Themen in einen Animationsfilm verpackt, von dem ich arg froh bin, ihn nicht als Kind gesehen zu haben. Wenn er nämlich zweifelsohne mit toller Unterhaltung und abwechslungsreichen Bildwelten aufwartet, hätte ich ihn doch vor Jahren kaum so richtig zu schätzen gewusst. Das Werk von Don Hall und Chris Williams bietet nämlich noch viel mehr und weitaus interessantere Ebenen als die bloße Kinder-Unterhaltung.

© Disney/Marvel

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Mit Baymax ist die Nerd-Figur endgültig im Mainstream angelangt. Der Titel des Films ist zugleich auch der Name des Krankenpfleger-Roboters, den der brilliante Nachwuchs-Ingenieur Tadashi Hamada für seinen jüngeren Bruder Hiro entwickelt hat. Kurz nachdem dieser sich entschlossen hat, sich mit seiner bahnbrechenden Erfindung – kleinen sich in jede erdenkliche Form bringen lassende Microbots – für einen Platz an der Hochschule seines Bruders zu bewerben, zerstört dort ein Feuer alle Labore. Und auch Tadashi kommt in den Flammen ums Leben. Aber was noch viel beunruhigender klingt: Hiros Vorrat an Microbots wurde entwendet. Der Bösewicht mit Kabuki-Maske, der die neue Technologie in seine Gewalt gebracht hat, scheint die ganze Stadt San Fransokyo zu bedrohen. Wie gut, dass sich Hiro auf seinen knuddeligen und vielfach talentierten Baymax verlassen kann. Und auf Tadashis Freunde, die ihre Nerd-Fähigkeiten genauso gewinnbringend einsetzen können. Ein neues Team von Superhelden ist geboren.

© Disney/Marvel

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Ich WILL so einen Roboter für Zuhause, verdammt noch mal, habe ich die ganze Zeit im Kino gedacht. Baymax ist das Herzstück des ganzen Films: ungelenk wie ein überdimensional großer Marshmallow, bewegt er sich vorsichtig durch die Welt und hat für all seine Mit-Kreaturen nur das Beste im Sinn – logisch, darauf ist er ja programmiert. Mehr und mehr erscheint uns der Roboter aber eben nicht mehr als das Produkt ausgeklügelter Algorithmen, sondern als ein Wesen mit Bewusstsein und Empathie. Er ist lernfähig, altklug und wenn sein Akku gegen Null tendiert, torkelt er durch Hiros Zimmer wie ein Betrunkener. Während ich im dunklen Kinosaal Tränen gelacht habe, sind mir die (zugegeben längst nicht mehr ohne Weiteres gültigen) Humortheorien von Henri Bergson eingefallen, denen zufolge wir immer dann lachen müssen, wenn etwas den normalen Fluss des menschlichen Lebens unterbricht und uns mechanisch vorkommt.

Weil das Lachen bei Bergson ein sozialer Prozess ist, geben wir uns ihm nur hin, wenn kein Mitgefühl für die Figur im Spiel ist, die sich lächerlich macht. Sonst kämen wir schneller in den Bereich der Tragödie als uns lieb wäre. Deswegen, so erklärte der Philosoph, würden Melodramen so oft den Namen des Protagonisten als Titel verwenden, Komödien hingegen nicht. Hätten sich nicht schon ausreichend Wissenschaftler mit den Thesen von Bergson beschäftigt – Baymax würde sie vollends und endgültig auf den Kopf stellen. Nicht nur, dass der Titel im Deutschen den Namen der „Hauptfigur“ trägt. Was müsste uns wohl in der Theorie mechanischer vorkommen als ein Krankenpfleger-Roboter mit halb leerer Batterie? Und doch – wir lachen nicht nur Tränen, wir empfinden auch so viel Mitgefühl für den dicken, weißen Knuddelbot, dass wir uns an der ein oder anderen Stelle kaum eines dicken Kloßes im Hals erwehren können.

© Disney/Marvel

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Und da sind wir auch schon mitten drin in den Themen der post-cinematic Medien. Baymax zeigt auf geradezu beglückende Weise, dass clevere Reflektionen über künstliche Intelligenz und Co. nicht den düsteren SciFi-Dystopien und chaotischen Actionstreifen vorbehalten bleiben müssen. Die Regisseure vertrauen darauf, dass das Publikum bei allem Spaß auch einige Problematiken und Grauzonen vertragen kann. Deswegen wagen sie sich an ambivalente Figuren und Technologien heran und machen aus Baymax mehr als bunte Unterhaltung. Es ist doch allein schon die Überlegung wert, ob die wirklich beeindruckende und hilfreiche Erfindung eines Krankenpfleger-Roboters nicht tausende wichtige Arbeitsplätze überflüssig macht. Hall und Williams schrecken nicht davor zurück, beide Seiten der Medaille zu zeigen. Wenn es um neue Technologien geht, sind hier weder die Forschung, noch die Wirtschaft, noch andere Mächte die durchweg dunkle Seite. Denn so körperlos uns unsere durchvirtualisierte und -technisierte Welt manchmal erscheinen mag, so steckt doch hinter jeder Erfindung noch immer die Idee und die Arbeit eines Menschen.

Baymax nimmt sich das Genre des Superheldenfilms und füllt seinen Akku mit einer erfrischenden Ladung Selbstironie und Optimismus auf. Da entstehen Diskussionen über den Sinn und Unsinn roter Ampeln in einer Verfolgungsjagd und die eine oder andere Referenz haut uns die Konventionen der unzähligen Superheldenfilme unserer Zeit um die Ohren. Baymax selbst ist aber eben in erster Linie ein Krankenpfleger, der immer nur das Wohl seines Patienten im Sinn hat. Als er bei dem um seinen Bruder trauernden Hiro nach dem ersten spektakulären Flug mit den neu entworfenen Kampf-Rüstungen einen gestiegenen Blutdruck verzeichnet, stellt er naseweis fest: „Die Behandlung schlägt an.“ Oh ja, es wirkt. Nicht nur bei Hiro, sondern auch bei uns.

Kinostart: 22. Januar 2015

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3 Antworten zu “DON HALL & CHRIS WILLIAMS: BAYMAX – RIESIGES ROBOWABOHU

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