DAN GILROY: NIGHTCRAWLER – JEDE NACHT HAT IHREN PREIS

Die erste Einstellung aus Nightcrawler zeigt ein leeres Werbeplakat im nächtlichen Los Angeles – und damit zeigt sie schon direkt den Sonderfall. Denn eigentlich dringt das Mediale in jede Nische, auf jede Plattform und Leinwand, die sich ihr bietet. Das ist so in unserem realen Alltag – und das ist auch so im Regiedebüt des Drehbuchautoren Dan Gilroy, der sich für seinen ersten Film einen klaren Gegner beschafft hat. Die Medien – speziell die Nachrichtensendungen in den Vereinigten Staaten und ihre Zuarbeiter, die sogenannten Nightcrawler, die mit der Kamera im Anschlag durch die Straßen brausen – immer auf der Jagd nach den nächsten spektakulären Exklusivbildern.

Nightcrawler 3

So einer ist auch Lou Bloom (Jake Gyllenhaal). Das heißt, zuerst einmal ist Bloom einfach nur ein Arbeitsloser auf Jobsuche. Im Bewerbungsgespräch kann er mit folgenden Eigenschaften punkten: er hat eine schnelle Auffassungsgabe, ungebremsten Ehrgeiz und vor allem kann er sich verkaufen. An den Job als freischaffender Kameramann gerät er mehr oder weniger zufällig – aber er ist gut in dem, was er tut. Schon bald beliefert er einen lokalen Fernsehsender exklusiv mit seinem Material: Wohnungsbrände, Autocrashs, Flugzeugabstürze, Einbrüche, Mord und Raubüberfälle – wo auch immer das Chaos herrscht, rückt schon bald eine Meute bildgieriger Presseleute an. Und je spektakulärer die Aufnahmen, desto höher die Quote. Desto höher die Gage für den Kameramann.

Die Botschaft in Nightcrawler kommt schon recht einfach daher. Der gemeine US-Bürger sieht am liebsten Lokalnachrichten. Und diese berichten mit Vorliebe von der steigenden Kriminalität in den Städten und Suburbs. Noch besser, wenn der Täter Lateinamerikaner ist, oder schwarz. Da ist gut und böse, richtig und falsch schön einfach zuzuordnen, außerdem lässt sich die so geschürte Angst recht zuverlässig in Waffenverkäufe umsetzen. Es ist nicht unbedingt die neuste Geschichte. Aber so vielschichtig und clever wie Dan Gilroy sie umgesetzt hat, macht er sein Werk zu einem der besten Filme des Jahres.

© Concorde

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Einen wichtigen Punkt hat der Regisseur nämlich begriffen: er ist selbst ein Medienschaffender. Wir alle leben in dieser kapitalistisch und medial durchdrungenen Welt – anders können wir es uns gar nicht mehr vorstellen. Es helfen also weder Klagen noch Verwünschungen – wir müssen einfach damit umgehen. Dan Gilroy erspart ihn uns nicht, den selbstreflexiven Dreh, in dem er uns als Zuschauer immer wieder als Konsumenten eines den Voyeurismus bedienenden Produktes entlarvt. Lou Bloom hat ein gutes Auge. Damit hätte er auch Kameramann beim Film werden können. Mit ein bisschen Übung sehen seine Aufnahmen bald so aus, als entstammten sie tatsächlich einem Actionstreifen – umso mehr, da digital gefilmte Actioner sich heute immer wieder des amateurhaften Videostils bedienen. Und wenn Lou bald schon profimäßig routiniert an Tatorten umherstreunt oder sich Verfolgungsjagden mit Verbrechern und Polizei liefert, halten wir ob des Schauwertes den Atem an. Darauf sind wir schließlich konditioniert.

© Concorde

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Glänzende Augen beim Anblick des vielen brisanten Bildmaterials bekommt auch Nina (Rene Russo), die Nachrichtenchefin beim TV-Sender. Für sie wird Lou vom vielversprechenden Zuarbeiter irgendwann zu einem echten Problem. Seine Ansprüche steigen, seine Forderungen und Anmaßungen auch. Nightcrawler hütet sich jedoch davor, hier die arme, hilflose Frau als Opfer des ach so gefühllosen Paparazzo hinzustellen (auch wenn er das durchaus ist). Nein, Nina, der Sender und überhaupt das ganze System bereiten erst den Boden, auf dem ein Fall wie Lou Bloom gedeihen kann. Jake Gyllenhaal wächst in dieser Rolle über sich hinaus. Von seinem ersten perfekt auswendig gelernten Monolog bei einem Bewerbungsgespräch über zahlreiche Manipulationsversuche bis hin zu seinem finalen Coup zeichnet er Bloom als eine zunehmend obsessive Figur, dürr und beängstigend manisch. Er bleibt seltsam ungreifbar: wir haben keine Ahnung, woher dieser Mann eigentlich kommt, wer er ist und woher genau seine Motive rühren. Bloom hat keine Psyche, er ist im Grunde genauso ein Produkt wie die Emotionen, die er ins Bild setzt und verkauft.

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Er durchläuft einen amerikanischen Traum und pervertiert ihn dabei. Die individuellen Opfer der Verbrechen stehen in Nightcrawler genauso wenig im Mittelpunkt wie in Blooms Aufnahmen. Wir sehen sie verschwommen oder auf dem blaustichigen Mini-Monitor der stets gezückten Canon. Im Fokus befindet sich Bloom selbst, wie er anfangs noch mit einer geradezu anthropologischen Faszination, später mit besessenem Tunnelblick seinen Job macht und dabei nach und nach alle moralischen, ethischen und juristischen Grenzen überschreitet. Aber alles kein Problem – solange nur niemand im Fernsehen flucht. Die Grenze zwischen Wahrheit und Inszenierung ist eben schnell überschritten. „Sieht im Fernsehen so echt aus“, stellt Bloom fest, als er im TV-Sender erstmals vor einem Studiohintergrund steht, der eine nächtliche Ansicht des hell erleuchteten L.A. zeigt. Später hat er für solche Phänomene eine eigene Erklärung gefunden: „Angst ist eine Fantasie, die dir Realität vorgaukelt.“ Die wirkliche Realität braucht es also gar nicht zu sein. Hauptsache, die Leinwand bleibt niemals leer.

Kinostart: 13. November 2014

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4 Antworten zu “DAN GILROY: NIGHTCRAWLER – JEDE NACHT HAT IHREN PREIS

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