JOURNALISTEN IM KINO: EINE KLEINE TYPOLOGIE

Folgende Journalisten-Typen lassen sich bestaunen, wenn man eines schönen Nachmittags eine beliebige Pressevorführung in einer beliebigen deutschen Stadt besucht.

1. Der Nörgler 
Meist älteren Semesters und im Print-Bereich anzutreffen. Hält es für absolut selbstverständlich, jedes Jahr zu allen Festivals eingeladen zu werden, verbringt seine Zeit dann aber damit, sich kochenden Blutes zu beschweren, weil die Regisseur es wagen, ihm Jahr für Jahr schlechtere Filme vorzusetzen.

2. Der Film-Freak
Sitzt in jeder Vorführung in der ersten Reihe und hat ausnahmslos alles gesehen, was er seine Umwelt auch besonders gern lautstark wissen lässt.

3. Die Lifestyle-Tante
Schreibt für irgendein buntes Lifestyle-Magazin und verabredet sich am liebsten mit ihren Kolleginnen zum nächsten Feel-Good-Movie, trinkt Latte Macchiato und hört mit dem Geflüster auch dann nicht auf, wenn der Film schon längst angefangen hat. Am Ende stehen dann drei Zeilen über ihn auf der einzigen Kino-Seite des jeweiligen Magazins.

4. Der Schauspieler/Regisseur/Moderator
Kommt gern mit kompletter Entourage ins Kino, damit er unprätentiös wirkt, aber auch jeder mitbekommt, dass er da ist. Unterform: der Aufreißer. Versucht mit Vorliebe, Nachwuchsjournalistinnen mit seinem Job zu beeindrucken.

5. Die Medien-Nachwuchs-Schickeria
Ebenfalls meist im Rudel anzutreffen: Blogger, Studenten, Volontäre und Social-Media-Angestellte, die sich die heiß erwarteten Perlen herauspicken, dazu ihre Cola trinken und hinterher oft keine einzige Zeile zu Papier bringen. In der weiblichen Ausführung die bevorzugte Zielgruppe des Aufreißers.

6. Die verkappte Künstlerin
Versucht durch ihr exaltiertes Äußeres den Eindruck zu erwecken, sie sei eigentlich nur zufällig auf Seiten der Journalisten gelandet. Lieblingsbeschäftigung: sich über ihr anstrengendes Leben beschweren. Und natürlich auch gern über die Filme.

Und was ich so mache? Ich gebe vor, konzentriert meinen SPIEGEL zu lesen, während ich aufmerksam die Gespräche um mich herum belausche. Dann trinke ich mein stilles Wasser, mache mir eifrig Notizen über den Film, während ich versuche, das Licht meines Pilotenkulis vor meinen Sitznachbarn zu verbergen. Beim Verlassen des Kinosaals gilt es dann, den perfekten Moment abzupassen, um nicht von den schon wartenden Agenturmenschen nach meiner Meinung gefragt zu werden. Wie um Himmels Willen soll die sich denn auch so schnell bilden? Mein Typ ist wohl der: Die Unauffällige.

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