ANTHONY STACCHI & GRAHAM ANNABLE: DIE BOXTROLLS

Es kommt nicht besonders oft vor, dass ich freiwillig in die Pressevorführungen von Blockbustern, Animations- oder sogar Kinderfilmen gehe. Aber ich weiß auch nicht… meine Woche ist so ruhig und irgendwie hatte mich der Trailer zu Die Boxtrolls angefixt. Seltsame kleine Hutzelviecher in Pappkartons und dann konnten für die Synchronisation im Original auch noch so viele gute Namen unter Dach und Fach gebracht werden: Elle Fanning, Ben Kingsley, Toni Collette, Simon Pegg… Irgendwas musste dieser Film doch an sich haben.

© Universal

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Also von vorne: Im Städtchen Cheesebridge verschwinden die Menschen pünktlich bei Sonnenuntergang allesamt in ihren Häusern, verriegeln die Türen doppelt und dreifach und bringen alles in Sicherheit was nicht niet- und nagelfest ist. Die Geschichten der Boxtrolls kennt nämlich jedes Kind: nachts wüten die grobschlächtigen Monster durch die Stadt, klauen die wertvolle Leibspeise aller Einwohner von Cheesebridge – den guten Käse – und schnappen sich Kinder, um sie blutrünstig zu verspeisen. Aber stimmen die haarsträubenden Geschichten? Wer die Welt unterhalb der Gullideckel von Cheesebridge betritt, stellt fest, dass die merkwürdigen Wesen nicht heimtückisch, sondern mit großem Erfindergeist gesegnet sind. Und dass sie seit Jahren liebevoll ein Menschenkind aufziehen: den Jungen Eggs.

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Die Boxtrolls ist ein Werk der Animationsfirma Laika Studios, die in der Vergangenheit schon Schätze wie Coraline verantwortete. Der Stil der aufwändigen Stop-Motion-Animationen ist daher natürlich unverwechselbar: immer recht düster-morbider Charme, immer gezeichnet wie von einem Maler des Expressionismus. Tatsächlich strotzen die Bilder nur so voller Details und kreieren einen unverwechselbaren Look. Sie sind qualitativ sogar so gut, dass man kaum zwischen Handarbeit und Computeranimation unterscheiden kann. Aber ach, warum nur das Ganze in 3D? Ehrlich, ich bemühe mich ja, 3D nicht per se zu verteufeln. Wenn es in einem adäquaten Rahmen den Schauwert erhöht oder sogar neue künstlerische Ausdrucksformen erschließt – bitte sehr, her damit. Im Falle von Die Boxtrolls aber, das kann ich leider nicht anders sagen, hat die dreidimensionale Optik mir das Filmerlebnis gehörig untergraben. Die Laika-Bilder, sie leben doch gerade von diesem altmodischen Retrolook. Nein, das meine ich nicht nostalgisch. Aber sie bieten eben keine glattpolierte Oberfläche wie bei Pixar, sondern das raue Gegenprogramm. Sie lassen morbide Magie auf einer Leinwand entstehen – eben! Auf einer Leinwand! Flach, nicht dreidimensional.

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Aber nun gut, lassen wir das Formale einmal außer Acht. Auch dramaturgisch hat Die Boxtrolls eine Weile gebraucht, bis er mich hatte. Das mag daran liegen, dass er den Zuschauer erst einmal ziemlich auf sich allein stellt. Sicher, die Trolle sind possierlich, in ihrer Lebensart wie die ungewaschenen Cousins der Minions. Abgesehen davon gibt es allerdings kaum Hintergrundinformationen oder gar Figuren, mit denen man sich identifizieren könnte. Die Menschen nämlich, einer unsympathischer als der Nächste, sind hier die eigentlichen Monster, das wird der Film nicht müde zu betonen. Unaufhörlich machen sie Jagd auf die Boxtrolls und sind sich dabei auch für dunkle Machenschaften nicht zu schade. Die Oberschicht faul, herrschsüchtig und korrupt, die Bürger unmündig und leicht zu manipulieren. Während der ersten halben Stunde blieb mir das Geschehen auf der Leinwand deshalb seltsam fremd.

Im Fall von Die Boxtrolls lohnt es sich aber durchaus, die holprige Anlaufzeit durchzustehen. Die Verfilmung des Buches Here be Monsters! von Alan Snow nimmt bald Fahrt auf und besinnt sich auf seine Stärken. Die Trolle sind Erfinder: da lassen sich doch wunderbar detailreiche und originelle Erfindungen bestaunen. Die Geschichte lässt vorgeblich überlegene Menschen gegen unverstandene Kreaturen antreten: daraus lässt sich eine anschauliche Parabel über das Wesen der Menschen basteln, die im Zweifelsfall eben nur Befehle befolgt haben. Hinter dem Film steckt die unfassbar aufwendige Stop-Motion-Technik: da darf man ruhig guten Gewissens ein wenig Selbstreferenzialität betreiben. Anhand all dieser originell umgesetzten Vorzüge bin ich vielleicht sogar bereit, über die 3D-Schlappe großzügig hinwegzusehen. Oh, und noch ein Tipp: unbedingt bis zum Ende des Abspanns sitzen bleiben!

Kinostart: 23. Oktober 2014

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Eine Antwort zu “ANTHONY STACCHI & GRAHAM ANNABLE: DIE BOXTROLLS

  1. Den wollte ich mir auch anschauen, weil mir dieser Stil sehr gefällt, erinnert wirklich stark an Selick.

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