SPIKE JONZES HER UND DIE SACHE MIT DEM RETROFUTURISTISCHEN FORTSCHRITTSKONSERVATISMUS

Letzte Woche erschien auf dem Indiewire-Blog The Playlist ein Artikel, in dem der IMAX-Ceo Greg Foster vermutet, das Publikum habe genug von den postapokalyptischen Zukunftsvisionen, die sich derzeit in den Kinos einen regelrechten Wettstreit liefern: eine Dystopie schlimmer als die andere. Finstere Zukunftsvisionen müssen nicht zwangsläufig immer mit Monstern und außerirdischen Mächten zu tun haben. Wenn ich meine Timeline hinunter scrolle, entdecke ich genug Besorgnis Erregendes: durch die permanente Präsenz der Medien könnten sich Studenten in der Vorlesung nicht mehr konzentrieren, Freundschaften werden durch Kontakte abgelöst, die Werbebrache bedient sich skrupellos an unseren digitalen Hinterlassenschaften und die NSA spioniert sowieso. Ogottogottogott, es wird immer schlimmer.

© Warner Bros.

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Nun ja, apokalyptische Filme gibt es, seit die ersten Strahlen eines Projektors Leinwände trafen, und immer sagten sie statt über die Zukunft mehr über die Gegenwart ihrer Entstehung aus. Eine der Zukunftsvisionen unserer Zeit ist Her von Spike Jonze. Ganz ohne Monster, Explosionen oder Alien-Invasionen. Dafür aber mit einem Wesen, das eigentlich gar keines ist. Oder doch? Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) verdient sein Geld damit, einfühlsame Briefe im Namen der Menschen zu verfassen, denen selbst die Worte fehlen. Seit der Trennung von seiner Frau Catherine (Rooney Mara) ist er einsam. Bis er sich ein neues Betriebssystem zulegt, das viel mehr kann als nur seine Mails vorlesen. Das System hört auf den Namen Samantha (Scarlett Johansson). Samantha ist witzig und wortgewandt, fürsorglich und irrsinnig lernbegabt. Es dauert nicht lange, bis Theodore sie überall hin mitnimmt, mit ihr redet wenn er nicht schlafen kann – und sogar Gefühle entwickelt, die über eine Freundschaft hinausgehen.

Wow, könnte man vielleicht denken. Diese Zukunft ist doch beinahe schon gegenwärtig. In den Straßen, in Parks, Warteräumen oder Bussen, ja sogar in Restaurants und Bars sehen wir Menschen, die auf ihre Bildschirme starren, die Ohren verstöpselt, glasig der Blick. Einen Unterschied gibt es dann aber doch: wer chattet, chattet mit einem Menschen, der gerade anderswo ebenfalls auf seinen Bildschirm starrt. Mit meinem Facebook-Kontakt kann ich mich zum Abendessen verabreden und selbst die Artikel, die ich unterwegs auf meinem Tablet lese, sind (in der Regel) von anderen Menschen bereitgestellter Content. Ok, genau genommen ist auch Samantha eine Software, die einst von findigen Programmierern geschrieben wurde. Aber ist sie wirklich nur das? Schließlich lernt Samantha doch unablässig, schafft sich ihre eigenen Erinnerungen und Charakterzüge, macht Erfahrungen und gibt sich sogar verletzlich. Die Frage drängt sich förmlich auf, und auch Theodore muss sie sich stellen: sind die Gefühle zwischen ihm und Samantha echt?

© Warner Bros.

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Die Antwort im Sinne der dystopischen Apokalypse wäre wohl einfach zu geben: natürlich nicht! Die funkelnde Illusion lässt uns Menschen verblöden und abstumpfen und wahrscheinlich enden wir irgendwann der menschlichen Kommunikation unfähig als Schatten unserer selbst wie in The Congress oder Wall-E. So einfach macht es sich Spike Jonze mit Her aber glücklicherweise nicht.  Im Grunde verhandelt der Regisseur gar nicht so konkret Fragen nach künstlicher Intelligenz und fortschreitender Forschung (wenn auch dieser Gesichtspunkt sich besonders nach der Sichtung von Lucy förmlich aufdrängt, in dem Scarlett Johansson abermals ein geradezu übermenschliches Wesen verkörpert). Vielmehr erzählt Jonze eine recht konventionelle romantische Liebesgeschichte nach Schema F: kennenlernen, glücklich sein, erste Streitpunkte, Katastrophe…

© Warner Bros.

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Aber die Inszenierung! Wie zum Teufel zeigt man eine Beziehung, in der der eine Part nur eine Stimme aus einem Computer ist? Zuerst einmal verpflichtet man die aufregendste Stimme Hollywoods. Johansson klingt tief und rau, fröhlich und geschäftig, servil, sexy, nachdenklich, verletzt oder sogar aggressiv. Sie erschafft ohne auch nur eine Sekunde Leinwandpräsenz eine Figur mit Persönlichkeit, mit Ecken und Kanten. Wer sie noch nicht gehört hat, ist erst einmal skeptisch. „Du datest dein Betriebssystem?“ Theodore bewegt sich durch eine Welt, die sich im Grunde nicht allzu sehr von unserer unterscheidet. Es gibt da Menschen, die seine Lebensweise völlig ablehnen, Menschen die sie bedenkenlos annehmen oder sogar ganz ähnliche Erfahrungen machen. Kaum jemand scheint so recht zu wissen, was er eigentlich will. Die Umwelt sieht aus, wie ein cleanes und auf Hochglanz poliertes Update unserer Zeit, in Mode sind aber anscheinend die 1970er, also spannenderweise das Jahrzehnt, in denen sich die Menschen reihenweise politisierten. Theodore trägt einen Pornoschnauzer und nimmt jeden Tag in einem Büro Platz, das aussieht wie einer 70er-Retroshow entsprungen. Die Arbeit scheint allerdings nur einen kleinen Teil des Lebens auszumachen. In der Freizeit ist die Wahlfreiheit hingegen regelrecht erdrückend: in Computerspielen kann man sich von Spielfiguren aufs Übelste beschimpfen lassen oder aber nach schönster 50er-Jahre-Manier Mom-Points dafür sammeln, dass man seine Kinder immer brav pünktlich füttert und sie früher als alle anderen Mütter zur Schule bringt. Also was ist das nun? Retrofuturistischer Fortschrittskonservatismus?

Genau das ist Her glücklicherweise nicht. Spike Jonze kommt ganz ohne apokalyptische Prophetie oder die nostalgische Verklärung facebookfreier Tage aus. Zu verdanken ist das seiner Inszenierung,  die, obwohl sie ein so hochaktuelles gesellschaftliches und letztlich auch politisches Thema behandelt, ganz unaufgeregt bei Einzelfällen verbleibt. Die Kamera ist in Her geradezu an Theodore verhaftet, sie zeigt ihn immer wieder bildfüllend, wenn in romantischen Szenen normalerweise noch ein zweiter Mensch neben ihm stünde. Aber andere Menschen sind hier ohnehin nicht so wichtig. Fremde drängen sich in den Außenaufnahmen nur im Hintergrund oder hasten flüchtig vorbei. Im Mittelpunkt steht Theodore. Und im Grunde nicht einmal Samantha. Denn das Betriebssystem lernt genau genommen von ihm, es stellt sich auf ihn ein, lernt ihn immer besser einzuschätzen und entwickelt sich nach seinen Vorstellungen von einem perfekten System/Produkt/Freund. Die Samantha, in die Theodore sich verliebt, ist ein Abbild seiner eigenen Projektionen. Und das ist es doch letztlich, worauf sich Debatten um Technik und Fortschritt am Ende herunterbrechen lassen. Fortschritt gab es schon immer (und Weltuntergangsprediger auch). Letztlich ist nur wichtig, was man selbst draus macht.

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4 Antworten zu “SPIKE JONZES HER UND DIE SACHE MIT DEM RETROFUTURISTISCHEN FORTSCHRITTSKONSERVATISMUS

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