JOHN TURTURRO: PLÖTZLICH GIGOLO

Sich an einem stressfreien Tag in ein Café setzen, mit Blick zum Fenster, in aller Ruhe ein paar Schlucke Kaffee trinken und hinausschauen. Die Menschen beobachten, die die Straße entlang hetzen. Oder schlendern und dabei die Hetzenden stören. Frauen in Business-Oufits oder joggend, Männer im Anzug oder in weißen Tennissocken zu klobigen Sandalen. Ich kann das wunderbar: die Mitmenschen, die an mir vorbeigehen, in Schubladen stecken, kleine Geschichten über sie erfinden oder darüber nachdenken, was sie an diesem Tag wohl alles erleben.

© Concorde

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Ein bisschen wie an meinem Cafétisch habe ich mich auch gefühlt, als ich Plötzlich Gigolo von John Turturro sah. Der Tisch stand diesmal in New York, direkt gegenüber von einem alten Buchladen, geführt von Murray (Woody Allen). Als der von seiner Dermatologin (Sharon Stone) anvertraut bekommt, dass sie gemeinsam mit ihrer Freundin gern einmal eine Ménage à trois versuchen würde, denkt er sofort an seinen alten Freund, den Floristen Fioravante (Turturro), den er schon kennt, seitdem er als Kind in den Buchladen einbrechen wollte. Fioravante habe nicht nur eine besondere Sexiness, findet Murray, die beiden könnten auch das Geld dringend gebrauchen. Nach anfänglichem Zögern willigt der Alleinstehende ein. Und wider Erwarten geht das improvisierte Geschäftsmodell auf: reihenweise New Yorker Frauen verfallen dem schweigsamen Blumenmacher und die Kasse klingelt.

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Wieso ich mich bei dieser Geschichte nun gefühlt habe wie an meinem Cafétisch? Ganz einfach: weil mir die Figuren aus Plötzlich Gigolo ganz ähnlich präsentiert wurden wie die vorbei hastenden Menschen auf der Straße. Flüchtig, in groben Strichen gezeichnet, eher Stereotype als Charaktere. Über Murray und Fioravante erfahren wir nur ein paar wenige Eckdaten und erst recht die Kundinnen lassen sich auf den ersten Blick recht leicht in die altbekannten Schubladen stecken. Da gibt es die gelangweilte, reiche Ehefrau (Stone), die temperamentvolle Männerhasserin (Sofia Vergara), die schüchterne Ultra-Religiöse (Vanessa Paradis). Aber wie das mit Schubladen eben so ist: man kann später immer noch umsortieren. Würden wir von unserem Cafétisch aufstehen und den Menschen folgen, wären wir sicher oft überrascht. Murray zum Beispiel führt eine langjährige und kinderreiche Ehe mit einer Afroamerikanerin, der Gigolo sorgt sich um die Verletzlichkeit seiner Kundinnen und die orthodoxe Jüdin liest Bücher obwohl sie es nicht darf.

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Als langjährige Verfechterin der Filme Woody Allens muss ich schon sagen: so langsam versetzt es mir einen kleinen Stich, diesen großartigen Regisseur altern zu sehen. Immer mehr verändert er sich in den letzten Jahren auch optisch und ich kann nur hoffen, dass der Mann noch Zeit für viele großartige Filme hat. Zwischendurch vergesse ich dabei immer wieder, dass Plötzlich Gigolo ja gar nicht von ihm ist. Allen ist hier nur Akteur; einer, der glücklicherweise noch nichts von seinem komödiantischen Gespür und Timing eingebüßt hat. Wer aber nicht weiß, dass hinter der Kamera John Turturro stand, könnte Plötzlich Gigolo auch für einen typischen Allen halten. Der Schauplatz New York, der jazzige Soundtrack, der Hochglanz-Cast, der dialogbasierte Humor, Neurosen und Psychiater, Einsamkeit in der Großstadt und das Judentum in unterschiedlichsten Ausprägungen – keine dieser gängigen Allen-Themen und Motive müssen wir hier vermissen. Vielleicht zeichnet das Turturro nicht unbedingt als Regisseur mit einer einzigartigen Vision aus. Es manifestiert ihn aber durchaus als einen Filmemacher, der weiß, was er tut.

Die Cafétisch-Philosophie kennt natürlich ihre Grenzen. Allein vom bloßen Beobachten kann man vielleicht das Verhalten von Seidenraupen in Guangdong erforschen, aber nicht unbedingt das komplexe Beziehungsgeflecht unterschiedlichster Individuen in einer Stadt wie New York durchleuchten. Das macht den Cafétisch aber nicht zu einem weniger reizvollen Platz. Und Plötzlich Gigolo nicht zu einem weniger reizvollen, unterhaltsamen und liebevollen Film. Ich geh mir jetzt mal den nächsten Kaffee bestellen.

Kinostart: 06. November 2014

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2 Antworten zu “JOHN TURTURRO: PLÖTZLICH GIGOLO

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