ZACH BRAFF: WISH I WAS HERE

Als ich am Montagabend aus dem Kino kam, regnete es grau vor sich hin, der Wind kroch durch die Jacke, der Hunger durch den Magen und die S-Bahn streikte. Großartig, dachte ich, und zog umgehend eine Fresse. Dabei hatte ich doch eben gerade einen Film gesehen, der mich eigentlich optimistisch stimmen sollte. Der mir den Wert des Lebens vor Augen führen und seine kleinen Unzulänglichkeiten vergessen machen sollte. Wie konnte das also passieren? Wie konnte ich aus einem Feelgood-Movie spazieren und das ganze Gutgefühle sofort wieder vergessen?

© Wild Bunch Germany

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Wish I Was Here ist die zweite Regiearbeit des Scrubs-Veteran Zach Braff, der hier den jüdischen Familienvater Aiden Bloom aus Los Angeles spielt. Während er sich leidlich erfolgreich als Schauspieler versucht, schafft seine Frau Sarah (Kate Hudson) mit einem trockenen Bürojob das Geld heran. Die Kinder Grace (Joey King) und Tucker (Pierce Gagnon) lernen auf einer jüdischen Privatschule und irgendwie hat die kleine Familie ihr Auskommen. Bis eines Tages die Schulgebühren nicht mehr überwiesen werden. Eigentlich hat das immer Aidens Vater Saul (Mandy Patinkin) übernommen. Aber die schlechte Nachricht lässt nicht lange auf sich warten: sein Krebs ist wieder ausgebrochen und er braucht das Geld für einen letzten Therapieversuch. Ab sofort müssen die Blooms sehen, wie sie zurecht kommen.

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Um dem fulminanten Erfolg seiner Crowdfunding-Kampagne für Wish I Was Here gerecht zu werden, hat sich Zach Braff mächtig ins Zeug gelegt. All die Trailer, Clips und Bilder im Vorfeld, sie schreien: Orginalität! Wieso stehen Aiden und seine Kinder im Perückenladen? Wieso trägt Grace permanent diesen lila Mopp auf dem Kopf? Wozu das Swear Jar? Und warum zum Henker hält Tucker eine Bohrmaschine in den Händen? Es gibt sie in Wish I Was Here zuhauf, diese skurrilen Momente, die den Film zu etwas ganz Besonderem werden lassen sollen. Das Problem dabei ist nur: sie im Kontext des Filmes erklärt zu bekommen, entzaubert sie. Plötzlich wirken viele der zuerst charmant anmutenden Ideen eher bemüht als originell. Die Leichtfüßigkeit, für die Braff mit seinem Regiedebüt Garden State reihenweise Kinogänger für sich einnahm, ist ihm beim Versuch, bloß keine Erwartungen zu enttäuschen, leider abhanden gekommen.

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Oh, nicht dass der Film nicht eine Wirkung erzielen würde. Ja, ich habe immer mal wieder über Scrubs-artig surreale Momente geschmunzelt, über die gelungenen Auftritte bekannter Gesichter wie dem unvermeidlichen Donald Faison oder Jim Parsons gelacht. Und auch für das Gegenteil war gesorgt: immer wieder Momente, in denen sich der sprichwörtliche Kloß im Hals bildete. Trotzdem kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, mit unfairen Mitteln zu diesen Emotionen gezwungen worden zu sein. Ehrlich, wenn schon auf narrativer Ebene individuelle Träume vs. Realität, Verantwortungsgefühl, Familie, Gott und Krebs eine Rolle spielen, dann lassen Tränen nicht lange auf sich warten. Braff scheut sich nicht, auch inszenatorisch in diese Kerbe zu schlagen. Viel goldenes L.A.-Licht und Lense Flares, fliegende Haare und ein Best-Of des populärsten Indie-Pops der letzten Jahre lassen Wish I Was Here vielerorts recht kitschig daherkommen.

Und das ist es auch, weshalb die schmeichelweiche Feelgood-Attitüde bei mir nicht von langer Dauer war. Ich lasse mich im Kino gerne mal rühren und berühren. Aber ich möchte nicht durch Manipulation zu meinen Emotionen gezwungen werden, so handwerklich gelungen diese Manipulation auch sein mag. Ich möchte es schwer haben, ich möchte rätseln und letztlich aus vollster und eigener Überzeugung in Tränen ausbrechen – solche Gefühle prägen sich ein. Wish I Was Here ist nett geworden. Fans von Zach Braff werden ihn sicher mögen, ganz genau wie ich. Aber dann werden sie aus dem Kino gehen und sich vom erstbesten Regen stören lassen.

Kinostart: 09. Oktober 2014

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