PETER CHELSOM: HECTORS REISE ODER DIE SUCHE NACH DEM GLÜCK

Ich bin anscheinend ein bisschen schizophren. Denn als Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück im Kino lief, war ich permanent hin und hergerissen zwischen angerührter Begeisterung und Augenbrauen hochziehender Skepsis. Hin und hergerissen zwischen der ehemaligen Ethnologiestudentin und dem Spaß daran, ab und zu einen Film zu sehen, der mit der zu hinterfragenden Bezeichnung Feelgood-Movie angekündigt wird.

Aber von vorn. In der Romanverfilmung Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück spielt Simon Pegg den Londoner Psychiater Hector, der eines Tages feststellt, dass er seinen Patienten eigentlich gar nicht helfen kann. Denn er weiß selbst nicht so recht, was Glück eigentlich ist und wie man es erreicht. Sein Leben verläuft in routinierten Mustern, seine Frau Clara (Rosamunde Pike) verhält sich eher wie eine besorgte Mutter und Überraschungen gibt es schon lange nicht mehr. Eines Tages sitzt eine verrückte Wahrsagerin (Veronica Ferres) in Hectors Sprechstunde. In seiner Hand meint sie die Aussicht auf eine große Reise und einschneidende Veränderungen zu erkennen. Und ob nun echte Wahrsagerei oder selbsterfüllende Prophezeiung – Hector macht sich auf zur Recherche-Tour. In Shanghai und im Himalayagebirge, in Afrika und Los Angeles begibt er sich auf die Suche nach dem Glück.

© Wild Bunch

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Es gibt eine ganze Reihe mehr oder weniger bekannter Reisefilme, die machen genau das: eine westliche Figur begibt sich vor exotischer Kulisse auf die Suche nach sich selbst und einem Sinn. Der Weg zu Orientalismus und Exotismus ist da nicht allzu weit. In Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück fühlte ich mich zunächst unangenehm in solche Traditionen hineinversetzt. Den außer Hector und seinen natürlich weißen und privilegierten Freunden wird kaum einer Figur in dem Film eine komplexe Persönlichkeit zugewiesen. Stattdessen grast Regisseur Peter Chelsom Postkartenklischees und Stereotype ab. In China bekommen wir es mit Businesstypen, Neureichen und viel mehr Schein als Sein zu tun, das nicht einmal konkret benannte Land in Afrika wiederum muss natürlich als Beispiel für das Glück herhalten, dass sich in der Familie und Kindern findet. Die lokale Bevölkerung teilt sich in feiernde Clans auf der einen und brutale Rebellengruppen auf der anderen Seite auf.

© Wild Bunch

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Doch gerade als ich den Film schon abhaken wollte, kam mir dann doch noch ein Gedanke. Im Grunde verhält es sich bei Hectors Reise und die Suche nach dem Glück nicht anders als beispielsweise bei Lost in Translation, dem aufgrund seiner scheinbar stereotypen Darstellung Japans einst Rassismus vorgeworfen wurde. Tatsächlich ist aber die Darstellung einer vorgeblich authentischen Kultur weder im einen, noch im anderen Film der Punkt. Indem der Regisseur bewusst auf Klischees zurückgreift, führt er uns mit seiner Inszenierung einerseits unsere eigenen Vorurteile vor Augen und entzaubert andererseits durch einige inhaltlichen Wendungen letztlich doch noch die Illusion von der Sinnsuche im vermeintlich spirituelleren, ganzheitlichen Fremden.

© Wild Bunch

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Für mich ist mit diesem Gedanken glücklicherweise auch der Status als Feelgood-Movie wiederhergestellt. Die Story ist dementsprechend genau wie in der Buchvorlage hanebüchen und belässt ihre offensichtlichen Botschaften im Fach des leicht Verdaulichen. Doch ganz ähnlich wie in Das erstaunliche Leben des Walter Mitty macht es ganz einfach Spaß, dieser Abfolge bunter Einfälle auf der großen Leinwand zuzuschauen. Die Verantwortung trägt dafür vor allem Simon Pegg als liebenswerter Antiheld, der von einem Abenteuer ins nächste stolpert und sich dabei doch zusehends fängt. Der Akteur legt eine beeindruckende Bandbreite an den Tag, kann slapstickhumorige Momente bedienen, kurz darauf perfekt getimte Dialoge hören lassen und im nächsten Augenblick schon eine gefühlsbetonte Stimmung heraufbeschwören. Viel Overacting ist auch dabei, doch im Grunde fügt sich das nur in das ohnehin sehr artifizielle Konzept des Filmes ein.

Wieso also nicht doch mal ein Feelgood-Movie? Und zwar nicht unbedingt als leichte Kost in der Pause zwischen sommerlichem Sonnetanken und dem nächsten WM-Spiel. Sondern als bewusste Entscheidung für ein Werk, bei dem man nach einer Bedeutung vielleicht etwas länger suchen muss als bei einer schwergewichtig depressiven Arthouse-Produktion. Denn mit dem Film ist es wie mit dem Leben: er ist, was du selbst daraus machst.

Kinostart: 14. August 2014

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2 Antworten zu “PETER CHELSOM: HECTORS REISE ODER DIE SUCHE NACH DEM GLÜCK

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