HAYAO MIYAZAKI: WIE DER WIND SICH HEBT

Wenn wir träumen, dann befinden wir uns dabei manchmal in einer Welt ohne Begrenzungen, ohne Anfang oder Ende, ohne Kontext. Was wir darin können, hat keine Konsequenzen, es ist das pure Dasein, rein und unschuldig. Ganz so träumt in Wie der Wind sich Hebt auch Jiro (in der englischen Version gesprochen von Joseph Gordon-Levitt). Oft verlässt er in Gedanken seine Umgebung und fliegt. Im Traum erscheint ihm dann der italienische Flugzeugbauer Caproni (Stanley Tucci), der ihm die Hand entgegenstreckt und ihn an Bord einer seiner Maschinen zieht. Gemeinsam fliegen die beiden über sonnenbeschienene Wiesen, zwischen skurril aufgetürmten Wolkenformationen hindurch. Wenn nur die Realität auch so traumhaft wäre.

© Universum Film

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Dort haben Handlungen jedoch immer Konsequenzen, verlieren ihre Unschuld und werden schnell mal zum Alptraum. Wie der Wind sich Hebt ist der letzte Film des japanischen Animé-Großmeisters Hayao Miyazaki, der damit die wahre Geschichte des Fugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi auf die große Leinwand bringt. Jiro ist ein sensibler und höflicher Junge, der sein ganzes Leben lang mit unermüdlichem Ehrgeiz seinen Traum verfolgt: das perfekte Flugzeug zu bauen. Als er endlich sein Meisterstück fertigstellt – die Mitsubishi A6M – kann er nicht wissen, dass gerade dieses Werk später traurige Berühmtheit bei dem Angriff auf Pearl Harbor erlangen sollte.

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Miyazaki geht sein hochkomplexes Thema mit unendlich viel Feingefühl an. Sequenz für Sequenz formt er vor unseren Augen die Figur des Jiro, bis das Bild eines jungen Mannes entsteht, der alles richtig machen will und mit seinen sanften Wesenszügen im Grunde auch die besten Voraussetzungen dafür hat. Er steht nur eben leider auf einer der dunklen Seiten der Geschichte. Es gelingt dem Regisseur aber auch vortrefflich, den Zustand des damals armen Japans darzustellen. Eine der stärksten Szenen bekommen wir gleich zu Beginn von Wie der Wind sich hebt zu sehen: auf seiner Reise nach Tokio wird Jiro Zeuge des verheerenden Erdbebens von 1923, das beinahe die komplette Hauptstadt zerstört. Miyazaki lässt in seiner gezeichneten Welt die Erde beben, Häuser sich aufwerfen und Straßen sich unter dem Druck der Erschütterungen regelrecht wellen. Als Tokio kurz darauf in Flammen aufgeht, steigen monströse Rauchwolken über der Stadt auf, Rußpartikel, Asche und brennende Papierfetzen fliegen durch die Luft.  Ich kann nur von Kunst reden, bei diesem Können, ein reales Ereignis durch Animationen wesentlich zu verfremden, es dabei jedoch so detailgenau und eindringlich wiederzugeben, dass es uns mehr berührt als jede Dokumentation.

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Es wirkt ein bisschen, als hätte Hayao Miyazaki in seinem letzten Werk noch einmal alles anders machen wollen – und doch seiner Vergangenheit einen Tribut gezollt. Immer wieder erinnern die gewaltigen Flugobjekte in Jiros Träumen und Erfahrungen an seine früheren Fantasy-Werke wie Das Schloss im Himmel. Aber Wie der Wind sich hebt spielt eben in keinem Fantasy-Universum, sondern in der Vergangenheit unserer Welt. Noch nie hat Miyazaki zuvor einen so irdischen Film gemacht. Es ist wahrlich seltsam, in der Originalversion eines japanischen Animés die deutsche Sprache zu hören. Genau das ist aber der Fall, als Jiro eine Dienstreise zu Flugzeugbauern in Dessau unternimmt. Auch Italien wird durch die Auftritte Capronis immer wieder zitiert. Und nicht zuletzt hat sich Miyazaki für eine ganze Reihe cleverer Anspielungen entschieden. So bekommen wir Musik von Franz Schubert zu hören, der lange als verkanntes Genie galt. Und auch der Roman Der Zauberberg von Thomas Mann spielt eine gewichtige Rolle, in dem einst ebenfalls ein tugendhafter junger Mann sich einer Erziehung unterzog, die letztlich in den Wirren eines Weltkrieges ihr Ende fand.

Wie der Wind sich Hebt ist ein langsam erzählter Film – und so kann er mit seinen mehr als zwei Stunden Laufzeit gelegentlich auch zur Geduldsprobe werden. Dem Ghibli-typischen Zauber tut das jedoch keinen Abbruch. Ich habe mich bei dem leisen Wunsch ertappt, dass dies nicht der letzte Film von Hayao Miyazaki sein muss. Dieser Mann hat so viel zu erzählen.

Kinostart: 17. Juli 2014

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8 Antworten zu “HAYAO MIYAZAKI: WIE DER WIND SICH HEBT

      • Ja, das hoff ich doch. Ein guter Regisseur kann auch einen echten Müllfilm abliefern, da muss schon immer alles passen. Die englischen Sprecher klingen auch toll, aber einen Anime schaut man sich doch aus Prinzip schon nicht auf, büah, Englisch an 😀

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