QUINZAINE 2014: KAGUYA-HIME NO MONOGATARI

Es war einmal ein Bambus-Schneider, der lebte mit seiner Frau ein bescheidenes Leben in der Nähe eines kleinen Wäldchens. Eines Tages bei der Arbeit sah er ein seltsames Licht von einem der Bambusstämme ausgehen. Er kam näher und als er hineinschaute, sah er darin ein winzig kleines Mädchen sitzen, gekleidet in das Gewand einer Prinzessin. Er nahm es mit nach Hause und in dem Moment, als seine Frau das Mädchen in ihre Arme schloss, verwandelte es sich in ein Baby, ein scheinbar ganz normales Menschenkind. Gemeinsam beschlossen die beiden, das Mädchen fortan aufzuziehen als wäre es ihre eigene Tochter.

© Toho Company

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So beginnt die Sage von Prinzessin Kaguya, die Isao Takahata für das japanische Studio Ghibli als Animé verfilmt hat. Getreu der Vorlage beginnt Kaguya-hime no monogatari deswegen auch wie ein Märchen, ganz klassisch mit dem Voice-Over-Kommentar einer allwissenden Erzählerin. Es werden für den Großteil der Laufzeit dieses Filmes keine allzu großen Überraschungen folgen, denn er funktioniert über weite Strecken so klassisch wie ein Märchen eben funktioniert: als lineare Erzählung mit vorhersehbaren Wendungen. Dabei lässt sich Takahata reichlich Zeit, mehr als zwei Stunden, um genau zu sein. Auf diese Weise stehen ihm zahlreiche Gelegenheiten zur Verfügung, die Inszenierung so detailreich auszuarbeiten, dass sie den typischen Ghibli-Zauber erhält, bei dem es leicht fällt, in eine völlig fremde und doch merkwürdig vertraut erscheinende Welt einzutauchen. Kaguya entwickelt sich sehr viel schneller als andere Kinder, man kann ihr sprichwörtlich beim Wachsen zusehen. Diese Entwicklung lässt uns als Zuschauer alles andere als kalt, denn wie sie als Baby die Frösche im Garten imitiert, als Kleinkind mit hoher, aber erstaunlich fester Stimme ein melancholisches Lied über den Mond singt und mit begeisterter Neugierde ihre Umwelt entdeckt, wurde vom Ghibli-Team unheimlich liebevoll in berührende Zeichnungen übersetzt.

Der visuelle Stil von Kaguya-hime no monogatari unterscheidet sich wesentlich vom sonst typischen Stil der Animationsfilme aus dem Studio. Die Zeichner arbeiteten per Hand mit schwarzer Kohle und durchscheinenden Wasserfarben, oft in groben Strichen, dann wieder zart hingetupft, was dem Film einen besonders fragilen, manchmal beinahe unfertigen Look verleiht. Die Optik vereint gekonnt Handwerk mit künstlerischen Ambitionen und zitiert mehrmals alte Traditionen wie die der japanischen Schriftrollen. Und doch fiel es mir schwer, mich auf den neuen visuellen Stil einzulassen, bin ich doch restlos den klar umrissenen Zeichnungen aus Ghibli-Klassikern wie Chihiros Reise ins Zauberland oder Mein Nachbar Totoro verfallen.

© Toho Company

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Aber auch wenn Kaguya-hime no monogatari nicht in den elitären Kreis meiner unangefochtenen Animé-Lieblinge aufsteigen wird, so sorgt es bei mir doch für reichlich Bewunderung, wie viel moderner als so mancher wesentlich jüngere Kollege der fast 80-jährige Regisseur Isao Takahata mit seinen Botschaften und Genderhandhabungen umgeht. Kaguya zwar ist die schöne Prinzessin, deren Vater sie am liebsten umgehend so wohlhabend wie möglich verheiratet sehen will. Trotzdem sind es in diesem Film aber eindeutig die Frauen, die den Männern in Sachen Organisationstalent, Cleverness und Integrität um Längen voraus sind. Das beginnt bei der Frau des Bambus-Schneiders, die ohne viele Umschweife über den Verbleib der kleinen Prinzessin bestimmt und endet bei eben Jener. Kaguya führt mithilfe ausgebuffter Kniffe ihre schnöseligen Verehrer vor und als sie schließlich ihren Geliebten findet, will sie sich auf keinen Fall von ihm tragen lassen – schließlich kann sie ja wohl allein gehen. Sobald sie sich eigenhändig ihres wertvollen aber störenden Kimonos entledigt hat, stolpert sie auf der Wiese auch nicht mehr, sondern bewegt sich darauf genauso leichtfüßig wie in ihren Kindertagen.

Kaguya-hime no monogatari verhandelt Themen wie den Glauben an eine höhere Macht, Erinnerung und Nostalgie, ist aber auch ein Plädoyer für das Leben auf und im Einklang mit dieser so reichen Erde und mit ihren unendlichen Freuden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es eines gezeichneten und somit verfremdeten Animationsfilms bedarf, um uns an die Schönheit zu erinnern, die uns tagtäglich umgibt.

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Eine Antwort zu “QUINZAINE 2014: KAGUYA-HIME NO MONOGATARI

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