QUINZAINE 2014: WHIPLASH

Vor einigen Jahren verbrachten einige Freunde und ich unsere Nachmittage damit, Filme zu drehen. Einer davon war ein Werbefilm für unsere eigene kleine Produktionsfirma und handelte von einem herrischen Lehrer, der seine ganze Klasse mit einschüchternden Methoden tyrannisiert. Ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden wir daran herumgefriemelt haben, diesen Pauker mithilfe von Drehbuch, Storyboards, Einstellungen und im Schnittraum bedrohlicher, die Klasse hingegen eingeschüchterter wirken zu lassen. Für den Moment waren wir mit dem Endresultat damals zufrieden – es waren schließlich die Anfänge und der Spaß stand im Mittelpunkt. Wenn ich mir den Film von damals heute anschaue, habe ich noch immer Spaß – allerdings aus eher nostalgischen Gründen. Gestern habe ich nun Whiplash gesehen. Und muss feststellen: genauso wie dieser Film aussieht, haben wir uns Unseren immer vorgestellt.

© Sony Pictures Classics

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Andrew ist Musikstudent und ein überdurchschnittlich talentierter Schlagzeuger aus Manhattan. An seiner Hochschule unterrichtet der renommierte Terence Fletcher (J.K. Simmons), der sich immer auf der Suche nach aufstrebenden Talenten für seine Jazzband befindet. Er holt Andy ins Team und dieser glaubt, für ihn stehe augenblicklich die Welt offen. Aber er hat die Rechnung ohne den Lehrer gemacht: Fletcher wütet und beleidigt seine Schüler, wendet psychische und manchmal auch physische Gewalt an und triezt sie solange, bis sie entweder von selbst gehen – oder aber zu den Besten zählen. Andys Ambitionen sind groß: er möchte einst zu den größten Jazz-Trommlern der Welt gehören. Lieber beim Üben blutige Finger holen und auf die üblichen Vergnügungen seines Alters verzichten, als eines Tages in der Mittelmäßigkeit versacken wie sein Vater (Paul Reiser). Das besessene Streben nach Perfektion erfordert Opfer. Aber Fletcher gibt sich nie zufrieden.

© Sony Pictures Classics

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Whiplash war der Abräumer auf dem diesjährigen Sundance-Filmfestival und von dort kommt in der Regel Gutes. So waren die Erwartungen durchaus hoch, als ich glücklicherweise gerade noch so in den Kinosaal eingelassen wurde, das Licht ausging – und es erst einmal dunkel blieb. In den Film führt kein Bild ein, sondern ein langsames Trommeln auf der Snare-Drum. Es steigert sich zum Crescendo, schneller und schneller, und dann endlich sehen wir ihn: Andy übt und wenn wir in dem Moment glauben, Miles Teller hänge sich voll rein, dann haben wir uns geschnitten. Dieser Film wird ihn an seine Grenzen führen. Immer wieder spielt Damien Chazelle hier mit Elementen des Thrillers und des Horrors, deutet Düsteres an, kreiert eine beinahe direkt zu fassende Spannung, lässt den Drummer spielen bis die Haut nachgibt, nicht nachlassen, hält sogar noch drauf, als eine Blutblase platzt. Miles Teller spielt einen jungen Mann, der sich vom lockeren und noch immer leicht schüchtern-linkischen Collegetypen zu einem Besessenen entwickelt.

Aber er ist nicht der eigentliche Mittelpunkt des Filmes. Auftritt J.K. Simmons. In unzähligen Nebenrollen hat der Schauspieler bereits überzeugt. Alle Welt kennt sein Gesicht, doch nur Wenige seinen Namen. Hier steht er endlich da, wo er hingehört: mitten im Rampenlicht. Er tobt und wütet vor seinen Schülern, demütigt sie grausam und nutzt dafür nicht nur Worte, sondern auch seine Mimik meisterlich. Sein Gesichtsausdruck changiert zwischen Hohn, Verachtung, ungezügelter Aggression und in einigen verschwindend wenigen Augenblicken dann doch auch Nachdenklichkeit und Anerkennung und jagte mir in der Erinnerung an eine Lehrerin mit ganz ähnlichen Methoden einen eiskalten Schauer über den Rücken.

© Sony Pictures Classics

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Dabei hat J.K. Simmons aber auch das Glück, sich in Whiplash auf ein umwerfendes Drehbuch verlassen zu können. Gruselig endeten schon viele Versuche von Medienmachern, eine Sprache zu kreieren, die ihrer Meinung nach der der Jugend entspricht. Hier ist es gelungen, Worte zu finden, die direkt sind, nicht selten auch vulgär, zynisch und bitterböse. Der daraus resultierend hohe Unterhaltungsfaktor (die fast zwei Stunden vergingen wie im Fluge) dient aber nicht nur einem halbgaren Selbstzweck, sondern zeichnet unheimlich stark entwickelte und komplexe Figuren. Es gibt hier keine einfache Zuweisungen in Held und Antagonist. Andy mag als talentierter Teenager vielleicht als Sympathieträger in den Film starten, seine zunehmende Obsession und jugendliche Überheblichkeit lässt ihn aber auch unheimlich erscheinen. Fletcher wiederum treibt es so weit, dass uns das Lachen gelegentlich im Halse stecken bleibt. Durch seine unterhaltsame Art und seine nicht in Frage zu stellende Kompetenz können wir uns seiner Präsenz aber auch nicht entziehen.

Wer hätte gedacht, dass einer der besten Filme aus Cannes 2014 in der Parallelreihe Quinzaine des Réalisateurs laufen würde? Whiplash ist ein echtes Komplettpaket. Visuell gelungen, in 7.1 Dolby Surround ein Ohrenschmaus, witzig und intelligent ohne verkopft zu sein, authentisch und elaboriert gleichermaßen, unterhaltsam ohne in Banalitäten zu verfallen. Er fragt nach möglichen Grenzen und sprengt sie selbst alle, beschert uns ein cineastisches Schleudertrauma. Er heißt eben nicht umsonst Whiplash.

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6 Antworten zu “QUINZAINE 2014: WHIPLASH

  1. Klingt gut. Werde ich mir mal merken. Simmons finde ich ja schon seit OZ sehr gut. Leider habe ich ihn dann nur noch selten in kleineren Nebenrollen gesehen.

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