CANNES 2014: HERMOSA JUVENTUD & LE MERAVIGLIE

Was haben Spanien und Italien gemeinsam? Sie zählen zu den liebsten Urlaubsländern der Deutschen. Und gleichzeitig gehören sie zu den Staaten, die AFD-Wähler und vergleichbare Schwachmaten für einen wirtschaftlichen Klotz am Bein halten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade aus diesen beiden Ländern in diesem Jahr Filme in Cannes laufen, die sich als Kritik an der gegenwärtigen Europapolitik lesen lassen.

© Ad Vitam Distribution

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Da ist zum einen Le Meraviglie, der Wettbewerbsbeitrag aus Italien. In dem Drama von Alice Rohrwacher lernen wir eine Familie aus Umbrien kennen, die auf einer abgeschiedenen Farm lebt. Vater Wolfgang (Sam Louwyck) ist ein Konsumverweigerer, der an jeder Ecke Verschwörungen wittert und seine Töchter deshalb zu Selbstversorgern erziehen will. Mit der modernen Medienwelt ihrer Altersgenossen sollen sie am besten gar nichts zu tun haben. Mit aggressiven Methoden versucht Wolfgang seine Ansichten durchzusetzen und stößt dabei auf wenig Widerstand von seiner Frau Angelica (Alba Rohrwacher). Einzig Coco (Sabine Timoteo), eine Deutsche, die als Dauergast auf dem Hof lebt, bietet dem Hausherren ab und zu Paroli. Ein Sommer verändert jedoch das abgeschottete Leben von Gelsomina (Alexandra Lungu) und ihren Schwestern. Der deutsche Junge Martin (Luis Huilca) soll für eine Weile im Rahmen eines Resozialisierungsprogrammes bei der Familie leben. Und dann gibt es da noch einen Fernsehwettbewerb für umbrische Landwirte, an dem Gelsomina unbedingt teilnehmen möchte.

Nach der Sichtung des Trailers habe ich mich auf Le Meraviglie ganz besonders gefreut, und das nicht nur wegen Monica Bellucci, die in einer charmant absurden Nebenrolle als etruskisches Halbgötterwesen auftaucht. Das Vorabmaterial versprach eine Mischung aus Ernsthaftigkeit und Schwung, und es ist schön, wenn zur Abwechslung Erwartungen einmal erfüllt werden. Dass die Figuren in dem Drama in einem manchmal verwirrenden Mix aus Italienisch und Deutsch daherreden, ist bei weitem nicht der einzige Hinweis auf das in Europa so ungleich verteilte Machtverhältnis. Der Film legt seinen inhaltlichen Fokus aber mehr auf die inneritalienischen Bedingungen. Die Auswirkungen der Finanzkrise wird genauso thematisiert wie die teilweise undurchsichtigen und unsinnig kleinteiligen Bestimmungen aus Brüssel und der Ausverkauf der italienischen Kultur.

© Ad Vitam Distribution

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Ja, das klingt durchaus ziemlich trocken. Aber umso mehr erstaunt es, dass Alice Rohrwacher keinen bedeutungsschweren Streifen abgeliefert hat, der an seinen eigenen Ambitionen erstickt oder den Zuschauer deprimiert aus dem Kino entlässt. Stattdessen findet die Regisseurin wunderbar leicht verdauliche und dabei einfallsreich ironische Bilder und Symbole. Sie macht es sich nicht zu einfach, indem sie schlicht einen Schuldigen für die Missstände sucht, sondern zeichnet ein breites allegorisches Bild der Meinungen und Positionen in der italienischen Bevölkerung. Dabei bekommen im herrlichen Finale gerade auch die Medien des Landes zu recht ihr Fett weg. Leider wird Le Meraviglie mit seiner trotz allem sehr beschwingten Fröhlichkeit wohl kaum die Chance auf einen Preis haben – zu meinen persönlichen Favoriten in Cannes 2014 gehört er aber jetzt schon.

© Wanda Visión

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Eine wesentlich ernstere Herangehensweise an sein Thema wählt hingegen der spanische Coming of Age-Film Hermosa Juventud von Jaime Rosales, der in Cannes in der Nebenreihe Un Certain Regard läuft. Natalia (Ingrid García Jonsson) und Carlos (Carlos Rodríguez) sind ein junges Paar Anfang 20 aus Madrid. Beide wissen nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen können, und weil permanent das Geld knapp ist, beschließen sie, gemeinsam einen Porno zu drehen. 600 Euro für eine Stunde Spaß, verspricht ihnen der Produzent. Aber der „Spaß“ hat Konsequenzen. Natalia wird schwanger und die Geburt des Töchterchens Julia bringt alles im Leben der jungen Leute durcheinander.

Hermosa Juventud wirkt ein wenig wie ein filmgewordener SPIEGEL-Artikel, aber das meine ich gar nicht mal so negativ wie es im ersten Moment vielleicht klingt. In den Medien sind Berichte über Jugendarbeitslosigkeit in den südlichen Staaten Europas an der Tagesordnung und Jaime Rosales hat wirklich an alle Aspekte dieser Thematik gedacht. Die Jugendlichen, die in seinem Film auftauchen, stammen aus der unteren Mittelschicht. Ihre Eltern können ihnen nicht helfen, weil sie selbst jeden Cent umdrehen müssen, vom Staat haben sie nicht viel zu erwarten und auf einen freien Job als Verkäuferin kommen dutzende Bewerber und Bewerberinnen. Die Möglichkeiten sind also nicht allzu breit gefächert. Entweder sie wandern aus, versuchen sich am Existenzminimum durchzuschlagen, resignieren oder wählen einen für die Gesellschaft inakzeptablen weil unmoralischen Weg. Hermosa Juventud bildet all diese unterschiedlichen Möglichkeiten ab und wählt für die Darstellung einen schnörkellosen Realismus, der den Zuschauer die Verzweiflung seiner Hauptfiguren nachvollziehen lässt. Die Kamera zum Beispiel erinnert nicht nur während der Pornoaufnahmen an typische Amateurfilmerei.

© Wanda Visión

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Von Zeit zu Zeit treibt es der Regisseur dann aber doch ein wenig zu weit. Er legt sich mächtig ins Zeug, um die Lebenswelten moderner Jugendlicher möglichst authentisch darzustellen und wählt dafür den Weg über Handykameras und Screenshots von scrollenden Facebookchats, Diashows und Skype. Zeitraffer dieser Art sparen Minuten, was prinzipiell auch im Fall von Hermosa Juventud eine gute Entscheidung ist. Nicht den großen Lebenszäsuren wie der Geburt oder dem Umzug nach Hamburg gelten im Film die Aufmerksamkeit, sondern den Kämpfen des zähen Alltags. Trotzdem sind Facebook und Co. in Coming of Age-Filmen mittlerweile ein wenig zu sehr zur Konvention verkommen, die eingesetzt wird, wenn immer die Kommunikation von Jugendlichen möglichst überzeugend dargestellt werden soll. Man kann es kaum glauben – aber manchmal reden die sogar noch miteinander. Hermosa Juventud ist ein zutiefst pessimistischer Film. Er ist erfolgreich darin, die Perspektivlosigkeit einer ganzen Generation darzustellen, aber es fehlt ihm ein Funken von Zuversicht, den der Diskurs über Europa so dringend nötig hat.

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Eine Antwort zu “CANNES 2014: HERMOSA JUVENTUD & LE MERAVIGLIE

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