CANNES 2014: DEUX JOURS, UNE NUIT

Im Wettbewerb von Cannes 2014 ist viel Episches vertreten. Der über dreistündige Winter Sleep, die groß angelegte Künstlerbiografie Mr. Turner, bald folgt noch Leviathan von Andrei Zvyagintsev. Ein Film von guten anderthalb Stunden Laufzeit und mit einer auf dem Poster ins Sonnenlicht getauchten Marion Cotillard gilt da auf den ersten Blick vielleicht als Leichtgewicht. Nach der Sichtung gehört er zu meinen Favoriten.

Und das nicht etwa, weil er schlicht eine Abwechslung bieten würde. Nein, die Dardenne-Brüder haben mit Deux Jours, Une Nuit alles andere als ein filmisches Leichtgewicht abgeliefert. In dem Drama folgen wir der Ehefrau und zweifachen Mutter Sandra (Marion Cotillard), die in ihrem Job in einer Solarfirma an einem Scheideweg steht. Sie soll gefeuert werden, damit ihre Kollegen nicht auf den versprochenen Bonus von 1000 Euro verzichten müssen. Aber Sandra kann auf ihr Gehalt nicht verzichten. Ohne das regelmäßige Einkommen kann die kleine Familie ihre Miete nicht zahlen. Schließlich verdient auch Manu (Fabrizio Rongione) als Koch in einem kleinen Restaurant nicht viel. Es bleibt Sandra ein Wochenende, um ihre Kollegen davon zu überzeugen, in einer anonymen Abstimmung auf den Bonus zu verzichten, damit sie bleiben darf.

© Diaphana Distribution

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Deux Jours, Une Nuit erinnert in seinem Aufbau ein wenig an Kindergeschichten, in denen die Heldin losmarschiert und eine skurrile Figur nach der anderen trifft. Nur geht es hier eben nicht um Fantasy oder Skurrilität, sondern um eine im Grunde völlig unspektakuläre und trockene Realität: Krankheit und Arbeitslosigkeit. So ziemlich jeder Menschen muss sich früher oder später mit solchen existenziellen Problemen herumschlagen und das zeigen die Dardenne-Brüder hier selbst ganz unaufgeregt. Der Reihe nach sucht Sandra alle ihre Kollegen auf und erntet dabei die unterschiedlichsten Reaktionen: Ablehnung und Aggression, aber auch aufrichtig schlechtes Gewissen, Hilfe und Bestätigung. Die Gründe dafür sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie aussprechen. So manch einer ist auf 1000 Euro extra selbst angewiesener als es ihm lieb ist, bei anderen wiederum ist es eine Terrasse, die unbedingt endlich vor das Eigenheim gebaut werden soll. Jean-Pierre und Luc Dardenne haben mit Deux Jours, Une Nuit ein Sozialdrama geschaffen, das moderat aber bestimmt seine Kritik an Kapitalismus und Ellenbogengesellschaft ausdrückt und für Solidarität plädiert.

Aber das ist es eigentlich gar nicht, was mich an dem Film so sehr beeindruckt hat. Es gibt einen Grund dafür, wieso ausgerechnet Sandra im Tausch gegen die Bonuszahlungen aus der Firma verschwinden soll. Nach einem längerfristigen Ausfall wegen einer Depression halten ihre Chefs sie nicht mehr für so leistungsfähig und belastbar wie zuvor. Es ist die Darstellung dieser Krankheit, die Deux Jours, Une Nuit in meinen Augen zu einem ganz besonderen Film gemacht hat. Psychische Störungen begegnen uns in Filmen nicht selten. Sie werden gern begleitet von verstörenden Klinik-Sequenzen, von Geschrei, möglichst verschlagener Mimik und unseren Voyeurismus befriedigende Suizidversuche. All das gibt es natürlich. Viel öfter äußern sich Depressionen aber völlig anders – nämlich kaum bis gar nicht. Es ist fast unmöglich, sie authentisch zu verfilmen und sich dabei an gängige Konventionen zu halten. Wenn es Filmemachern aber gelungen ist, sich dieser Störung so weit anzunähern wie nur irgend möglich, dann den Dardenne-Brüdern in Deux Jours, Une Nuit.

© Diaphana Distribution

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Sie inszenieren Sandras Depressionen nicht als spektakulären Handlungsstrang, als fishing for empathy, sondern als das was sie sind: eine nach innen gerichtete, eine leise und einsame Krankheit. Sandra versteckt sich vor der Welt und sogar ihren Kindern. Am liebsten möchte sie den ganzen Tag schlafen. Der Alltag läuft an ihr vorbei während Selbstzweifel an ihr nagen. Statt sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern, stellt sie sich den ganzen Tag lang vor, was andere von ihr denken könnten, und äußert jemand Kritik, baut sie sie umgehend als unumstößlichen Fakt in ihr von Komplexen verzerrtes Selbstbild ein. Von außen sind ihre Gedankengänge kaum nachvollziehbar, und so stellt auch das Drama es dar. Die Familie scheint finanziell zumindest halbwegs über die Runden zu kommen, Sandra hat einen mehr als verständnisvollen Ehemann und zwei gut erzogene Kinder, jeden Tag scheint im Film die Sonne. Warum nur geht es dieser Frau so schlecht, möchte man sich fragen. Die Antwort auf solche Fragen ist nie leicht zu geben. Auch die Dardenne-Brüder versuchen es nicht. Aber sie nähern sich an so gut es geht. Und finden dabei die denkbar beste Lösung. Sie verdammen ihre Protagonistin nicht zur Abhängigkeit, sondern lassen sie an ihren Herausforderungen wachsen. Deux Jours, Une Nuit macht alles richtig. Die Goldene Palme wäre ihm zu gönnen.

Kinostart: 30. Oktober 2014

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3 Antworten zu “CANNES 2014: DEUX JOURS, UNE NUIT

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