CANNES 2014: THE HOMESMAN

Frauen, die in einem Western von A nach B gebracht werden. Bei dieser extrem verkürzten Inhaltsangabe ist der Gedanke an den alten Klassiker Karawane der Frauen nicht weit. In diesem 1951er Film von William A. Wellman sollten willige alleinstehende Frauen in den Westen gebracht werden, um mit den dortigen Pionieren, Cowboys und Goldsuchern anzubandeln. Über ein halbes Jahrhundert später entsteht nun ein Western, in dem die Frauen quasi den Rückweg antreten.

In The Homesman meldet sich Hilary Swank in der Rolle der unkonventionellerweise allein lebenden Farmerin Mary Bee Cuddy freiwillig, um drei Frauen aus einem kleinen Städtchen in Nebraska zurück in ihre Heimat nach Iowa zu bringen. Die drei sind wegen unterschiedlicher Schicksalsschläge dem Wahnsinn verfallen und hoffen in einem Sanatorium in der Stadt auf Heilung. Die Männer aus der Gegend entsprechen optisch zwar ganz dem Klischee der raubeinigen Cowboys, entpuppen sich aber entweder als nicht vertrauenswürdig oder schlicht als Feiglinge. So bleibt der Job an Mary Bee hängen. Weil ihr doch nicht ganz wohl bei der Sache ist, kommt es ihr ganz gelegen, dass sie kurz vor dem Antritt ihrer Reise dem heruntergekommenen George Biggs (Tommy Lee Jones) aus der Patsche helfen muss. So steht er in ihrer Schuld und muss sie begleiten. Gemeinsam begibt sich das ungleiche Gespann auf die Reise.

© EuropaCorp

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Das erste, was an The Homesman auffällt, ist, dass der Film ganz genauso beginnt wie die klassischen Western in ihrer Hochzeit. Die erste Einstellung gibt den Weg frei auf das karge flache Land, darüber werden die Titelcredits eingeblendet und melancholisch bedrohliche Musik erklingt. Aber das Werk von Tommy Lee Jones ist alles andere als ein klassischer Western, das wird schnell klar. Der Amerikanische Traum hat sich ausgeträumt, die romantischen Geschichten vom Zug nach Westen werden überschattet von der Erinnerung an Armut, Krankheit, viele gescheiterte Existenzen und nicht zuletzt einen grausamen Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern. Ein Film braucht aber eben trotzdem ein bestimmtes Setting und einige Standardsituationen, damit wir ihn als Western beschreiben können.

In The Homesman sind diese durchaus zu finden. Aber sie sind seltsam verzerrt, entstellt, es ist im Grunde ein Western rückwärts. Das fängt schon damit an, dass der früher obligatorische Held, der Homesman nämlich, hier eine Frau ist. Das Leben hat Mary Bee Cuddy hart werden lassen, denn sie hatte keine andere Wahl. Aber sie trägt auch weiche Züge in sich, ihre Vorliebe für Musik, ihr starkes Mitgefühl und die Fähigkeit, sich in die Denkweise der Menschen in ihrer Umgebung einzufühlen. So kommt sie auch mit den drei geisteskranken Frauen verhältnismäßig gut zu recht, die sonst nicht sprechen oder auch mal um sich schlagen und sich winden wie wunde Tiere. Es läuft mir kalt den Rücken herunter, wenn ich mir vorstelle, wie andere Filme ihre Geschichten vielleicht ausgewalzt hätten. Krankheiten, Vergewaltigungen, der Verlust der eigenen Kinder – die drei Frauen haben einiges durchgemacht, was Stoff für eigene Melodramen gäbe. Tommy Lee Jones schafft es, diese unheimlich gehaltvolle Geschichte in zwei dicht durcherzählte Stunden zu packen. Zugegeben, da ist die eine oder andere Stelle im Plot, die nicht ganz logisch erscheint oder bei der ein wenig mehr Erklärung dem Zuschauer gut getan hätte. Andererseits: Western sind mittlerweile so hoffnungslos überinterpretiert, dass es vielleicht gar nicht schadet, einiges offen zu lassen.

© EuropaCorp

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Leicht verständlich war zumindest eines: die Frauen in The Homesman tragen keinerlei Schuld an ihrem Zustand. Es sind die Männer, die durch ihren Machismo, durch Verrohung und rücksichtsloses Verhalten nicht nur ihre Frauen in den Wahnsinn getrieben, sondern auch den Traum vom freien und friedlichen Leben im Westen zugrunde gerichtet haben. Ihnen fehlt sogar die charakterliche Größe zum Rückzug. Stattdessen muss das vermeintlich schwächere Geschlecht den Karren aus dem Dreck ziehen – was nur bedingt gelingt. Warum? Weil im patriarchalischen System, in das die Frauen hineingeboren wurden, alles außerhalb der Norm als minderwertig gilt. Und weil es wohl ein Fehler ist, sich diesen Gepflogenheiten allzu sehr anzupassen. Dabei ist es das System selbst, das an seiner Minderwertigkeit krankt. Tommy Lee Jones nutzt das volle symbolische Potenzial des Westerngenres aus, um diese Fehler aufzuzeigen. Geradezu zynisch erscheint zum Beispiel eine Sequenz, in der Biggs Cuddy über die brutalen Gewalttaten der Indianer aufklärt, die sich bei einer Begegnung aber mit der Übergabe eines Ponys zufrieden geben statt wie angekündigt grundlos die Weißen abzuschlachten. Stattdessen kämpfen schon mal gestandene Kerle mit den Fäusten miteinander, weil ihre Waffen nicht funktionieren. Deutlicher lässt sich Entmannung im Western wohl kaum darstellen. Standardsituationen, Metaphern und Bilder aus dem klassisch amerikanischen Genre werden hier aufgenommen und entkernt, auf links gedreht.

The Homesman reiht sich nahtlos in eine Reihe moderner Western der letzten Jahre ein. Ein bisschen scheint es, als wäre Mary Bee Cuddy die erwachsen gewordene Hailee Steinfeld aus True Grit, die hier ebenfalls einen kleinen Part übernimmt. Auch Meryl Streep taucht in einer Nebenrolle auf und spielt wie gewohnt alle in Sekunden an die Wand. Dazu gibt es einen wunderbaren Soundtrack, der als Veröffentlichung hoffentlich nicht mehr lang auf sich warten lässt. The Homesman ist einer von diesen Filmen, über die ich am liebsten sofort eine Hausarbeit beginnen würde. Vielleicht mache ich das. Hoffen wir vorerst aber auf einen baldigen deutschen Kinostart.

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Eine Antwort zu “CANNES 2014: THE HOMESMAN

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