UN CERTAIN REGARD 2014: THE DISAPPEARANCE OF ELEANOR RIGBY

Manchmal passiert es, dass man bei einem Film erst kurz vor Schluss seine Meinung ändert. Gerade noch seiner eigenen Gedanken so sicher, da ändert eine Dialogzeile, eine Einstellung oder eine Wendung im Plot plötzlich alles. Ganz so erging es mir im Fall von The Disappearance of Eleanor Rigby, einem Film, auf den ich mich im Vorfeld sehr gefreut hatte. Die so besondere Jessica Chastain in der Hauptrolle, Indie-Optik, hier schien etwas ganz nach meinem Geschmack auf mich zu warten. Dann begann das Screening und alles war schön und hübsch gefilmt und die Darsteller machten ihren Job ziemlich gut. Aber so richtig wollte mich das Werk einfach nicht anfassen, die Figuren mir nicht näher kommen.

Eleanor Rigby (Jessica Chastain) und der Restaurantbesitzer Conor Ludlow (James McAvoy) sind ein Paar und sie haben viel Spaß miteinander. Sie liegen des Nachts im Park auf Wiesen herum, haben Sex im Auto und prellen schon mal in trauter Komplizenschaft die Zeche, wenn das Essen in einem Lokal ihnen nicht schmeckt. Diese Beziehung scheint perfekt – in der nächsten Sequenz springt Eleanor von einer Brücke. Sie wird aus dem Wasser gezogen, überlebt, zieht wieder bei ihren Eltern (Isabelle Huppert & William Hurt) ein, bricht jeden Kontakt zu Conor ab und ignoriert seine Existenz völlig, geht wieder an die Uni und tanzt gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Katie (Jess Weixler) durch die Nächte. Und wir stehen da und staunen. Denn The Disappearance of Eleanor Rigby von Ned Benson erklärt nichts im Augenblick des Geschehens und nur wenig im Nachhinein. Das macht es schwer, mit den Figuren mitzufühlen und uns in ihr Leid, ihre Entscheidungen hineinzuversetzen.

© Prokino Filmverleih

© Prokino Filmverleih

Dazu kommt das Drehbuch. Es strotzt nur so vor Sarkasmus. Selbst ruhige Gespräche unter vertrauten Personen geraten zynisch und halten uns permanent auf Distanz. Die Person der Professor Lillian Friedman (Viola Davis) ist zum Beispiel so eine Figur, der wir unglaublich gern beim Agieren zusehen, weil sie mit einem feinsinnigen Gespür für Timing und Betonung einen tiefschwarzen Galgenhumor an den Tag legt. Aber auch hier wieder das gleiche Problem. Es ist wie im Alltag: Ironie ist unterhaltsam und clever, aufrichtig ist sie aber oft nicht. Etwas liegt verborgen darunter und wir können nur darüber spekulieren. Charakter und Hintergrund der Figuren verbleiben stets in Andeutungen und ich als Zuschauer lechze trotz der nie aufkommender Langeweile irgendwann nach mehr Stoff, mehr Tiefe; etwas, das mir diesen Film in Erinnerung bleiben lässt. Und dann, kurz vor Ende des Films, als ich mich gerade an den Gedanken gewöhnt hatte, bei The Disappearance of Eleanor Rigby wohl zu viel erwartet zu haben, ist es doch noch so weit: Dialoge ohne Zynismus, ohne Sarkasmus und Fassade.

Und plötzlich ergibt alles doch noch Sinn: in dem Moment, in dem sich die Figuren endlich einander öffnen, ihre Distanz zueinander aufgeben, können auch wir Zuschauer ihnen näher kommen. Mehr erklärt wird zwar noch immer nicht, aber das muss auch nicht unbedingt sein. Wir finden so immerhin einen Zugang zum Gesehenen, zu den Menschen, deren Geschichte wir gerade zwei Stunden lang auf der großen Leinwand beiwohnen durften. Und es ist ein schöner Zugang, der Freiraum lässt für eigene Gedanken; um Distanzen, Fassaden abzubauen. Dann können wir die Beatles-Platte auflegen und laut mitsingen: „Ah, look at all the lonely people. Where do they all come from?“ Und müssen das nicht ironisch meinen.

Advertisements

Eine Antwort zu “UN CERTAIN REGARD 2014: THE DISAPPEARANCE OF ELEANOR RIGBY

  1. Pingback: Pfleger Geron liebt Zombie - Eleanor Rigby - filmosophie.com·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s