UN CERTAIN REGARD 2014: LA CHAMBRE BLEUE

Es erfordert nicht gerade übermäßige geistige Anstrengungen, bei einem Film mit quadratischer Kadrierung die Assoziation zu Instagram zu entwickeln. Bei La Chambre Bleue stellt sich die Anmutung von Schnappschüssen aus der omnipräsenten Foto-App schon nach einigen Sekunden ein: leuchtende Farben, starke Kontraste, extreme Schärfentiefe und viele Detailaufnahmen in starren Einstellungen folgen aufeinander und geben der Regiearbeit von Mathieu Almaric ihre charakteristische Optik. Hübsch anzusehen ist er also schon einmal, dieser Film. Inhaltlich hingegen ist von nichts sonderlich Speziellem zu berichten.

© Alfama Films

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Julien (Mathieu Almaric) ist verheiratet mit Delphine (Léa Drucker). Gemeinsam haben sie eine Tochter und leben finanziell reichlich abgesichert in einem großzügigen Einfamilienhaus. Alles könnte perfekt sein, aber Julien ist nicht zufrieden. Er unterhält eine Affäre mit der aufregend leidenschaftlichen und umwerfend schönen Apothekerin Esther (Stéphanie Cléau), der Frau seines ehemaligen Schulkameraden. Als die zwischenmenschlichen Beziehungen aus dem Ruder laufen, findet das Paar sich im Gefängnis wieder. Die Frage ist jetzt nur noch, wie sich die Ereignisse rekonstruieren lassen und wer tatsächlich wofür die Schuld trägt.

Stimmt, das ist nichts Besonderes. Mathieu Amalric hat mit La Chambre Bleue einen mit nur 76 Minuten Laufzeit knackig kurzen und handwerklich sauber gearbeiteten Film abgeliefert, der in positiver Erinnerung bleibt. Und der die reinste Selbstdarstellungstour für seinen Regisseur und Hauptdarsteller bietet. Mathieu Amalric führt durch die Geschichte, seine Figur bietet Identifikations- und Projektionsfläche, der Zuschauer bleibt bei ihm und die meiste Zeit über füllt er das Bild völlig aus – wahlweise mit angestrengtem Gesichtsausdruck im Close-Up oder vollständig nackt in der Vollfrontalen und artifiziell ausgeleuchtet. Ob das jedem Einzelnen persönlich zusagt, ist zum Teil sicher eine Frage des Sympathiegrades für Mathieu Amalric.

© Alfama Films

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Nüchtern betrachtet erweist sich die Tatsache im Rahmen der Inszenierung jedoch als durchaus stimmig. Mehr als alles andere geht es bei einer Ermittlung und bei einer Gerichtsverhandlung für den Angeklagten um seine Selbstdarstellung. Nun sitzen wir Ottonormalverbraucher zumindest im wörtlichen Sinne nicht allesamt auf der Anklagebank. Aber fast alle von uns verfügen über einen Instagram-Account. Auch in La Chambre Bleue spielt die Fotografie eine wichtige Rolle: perfekt ins Bild gesetzte Familienfotos entstehen und schmücken das Haus, mit dem Smartphone aufgenommene Selfies dienen als Beweismittel im Prozess und vor den Türen des Gerichtsgebäudes warten schon die Paparazzi mit den Kameras im Anschlag.

Wir selbst halten unsere Unternehmungen fotografisch fest, posten das Mittagessen auf Facebook und teilen mit der Welt unseren Beliebtheitsgrad und unsere Beziehungen, unsere Unternehmungen, wie perfekt alles bei uns läuft. Dabei ist das eigene Leben auch nicht viel Spannender als das des Unbekannten, der in der Bahn neben uns sitzt. Julien selbst spricht es an einer Stelle im Film aus: „Ich habe eine wunderschöne Frau, eine Tochter, die ich liebe, ein großes Haus, was will ich mehr?“ Nun, der Schein stimmt schon mal. Aber in Wirklichkeit dient der idyllische Familienurlaub nur dazu, die Zweifel der Ehefrau zu zerstreuen; sollen die beschaulichen Bilder in der Timeline nur von den eigentlichen Problemen ablenken. Mathieu Amalric stellt die Ambivalenz des schönen Scheins in La Chambre Bleue in all ihren Konsequenzen dar. Nach dem Screening des Films stand er im Kino und verbeugte sich nach allen Seiten, ein echter Selbstdarsteller. Wir Zuschauer zückten umgehend die Handykameras. Die meisten der so entstandenen Fotos sind mittlerweile unter Garantie auf Instagram zu finden.

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