UN CERTAIN REGARD 2014: PARTY GIRL

In Berlin gibt es diese Grenzgebiete am Standrand. Ortsteile wie Spandau oder Marzahn-Hellersdorf, die von den weltgewandten Innenstadtbürgern gern völlig ignoriert werden. Verirrt man sich doch einmal dahin, kommt das einem Schritt aus der eigenen, wohlgehüteten Blase heraus gleich. Hautenge Leggings mit Leopardenmuster, hochtoupierte Haare, Bling-Bling, Polyester-Tops und Oberlippenpiercings bestimmen das Bild. Und das ist längst nicht nur in manchen Stadtteilen von Berlin so. Davon kann fast jeder Ort ein Lied singen. Oder auch ein schmaler Streifen Grenzgebiet zwischen Deutschland und Frankreich, an dem sich die Geschichte von Party Girl abspielt.

Die unangefochtene Hauptperson in diesem Drama ist Angélique (Angélique Litzenburger) – und sie sieht ganz genau so aus, wie oben beschrieben. Sie ist Anfang Sechzig und sie kann einfach nicht aufhören zu tanzen. Als älteste Animierdame im Stripclub Las Vegas bleiben ihr langsam die Kunden aus, die Party ist längst vorbei. Aber Angélique hat einiges intus, von allem zu viel, um genau zu sein, und sie will noch mehr. Weil leider nicht immer Party sein kann, besucht sie eines Tages einen ihrer ehemaligen Stammkunden. Michel (Joseph Bour) war schon lange nicht mehr im Club, denn er kann es nicht ertragen, zahlen zu müssen, um Angélique zu sehen. Er hat sich in sie verliebt, und weil er ein Mann der einfachen Wahrheiten ist, fragt er sie einfach so, ob sie ihn heiraten will. Angélique sagt ja – und sieht sich plötzlich mit einem völlig neuen Leben konfrontiert. Sie tauscht ihr Einzelzimmer über dem Club in ein Häuschen mit Garten ein, ihre nächtlichen Party-Orgien gegen Hochzeitsvorbereitungen und das tägliche Herumhängen mit ihren wesentlich jüngeren Kolleginnen gegen die Kontaktaufnahme zu ihren Kindern. Derer hat sie vier, aber nur drei sind bei ihr aufgewachsen. Angélique hat sich in ihrem Dasein an einiges gewöhnt, ein bürgerliches Leben stellt sie jedoch vor gewaltige Herausforderungen.

© Pyramide International

© Pyramide International

Sich das Bild einer sechzigjährigen Frau mit Oberlippenpiercing vorzustellen, führt schnell an die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks. Groß ist das Erstaunen, wenn dann herauskommt, dass Angélique nicht nur eine Imagination ist. Für Party Girl hat der Newcomer-Regisseur Samuel Theis seine eigene Familie zusammengeholt, um wahre Ereignisse aus der Vergangenheit noch einmal nachzuspielen. Party Girl ist ein irres Familienalbum, als hätte ein ambitioniertes Verwandtschaftsmitglied nicht nur die Feiern gefilmt, sondern auch den Alltag der Litzenburgers. So erklärt es sich auch, dass all die Klischees von Leopardenleggings und Co. an keiner Stelle überzeichnet daherkommen, nie ins Lächerliche kippen. Sie sind nur semidokumentarisch der Realität entnommen, und das macht Party Girl manchmal amüsant, weil er an den letzten Gang durch die heimische Fußgängerzone erinnert. Aber es macht den Film auch besonders intensiv und eindringlich, denn wir schauen uns diese bemerkenswert merkwürdige Frau an, diese Angélique, die völlig unangepasst ihren Weg geht.

Angélique Litzenburger, die Echte, ist der unangefochtene Mittelpunkt des Films, das steht zweifelsohne fest. Allein ihr Gesicht fesselt, denn es vereint ganz besonders wenn sie lächelt die feinen Züge eines jungen Mädchens mit den Falten einer erfahrenen Frau, die einiges zu erzählen hat. Der Kontrast zwischen alt und jung ist visuell immer Thema, nicht nur innerhalb der Figur der Angélique selbst, sondern auch im Zwischenmenschlichen. Samuel Theis hat geradezu poetisch einfühlsame Bilder gefunden, um die Geschichte seiner Mutter zu erzählen. Selbst wenn sie sich an einem so zwiespältigen Ort wie an einem Stripclub aufhält und resigniert vor sich hin raucht, während im Hintergrund eine blutjunge Stripperin an der Stange zeigt was sie hat und wie wenig sie davon für sich behält, dann stellt er seine Mutter nicht zur Schau, gibt sie nicht einem Urteil frei. Er kokettiert und er beschönigt nicht, ganz genau wie Angélique. Er zeichnet auch nicht weich. Die Party macht nicht immer Spaß, sie ist sogar manchmal ziemlich hässlich und die Leute kommen und verlassen sie wie es ihnen passt. Aber die Party geht immer weiter. Sie muss immer weitergehen.

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2 Antworten zu “UN CERTAIN REGARD 2014: PARTY GIRL

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