CANNES 2014: THE CAPTIVE

Vater und Tochter kommen vom Eislauftraining. Pauline ist müde, deswegen legt sie sich flach auf die Rückbank des Autos, als sie den Van vor einem Diner parken. Hier holen die beiden nach dem Training immer einen Kirschkuchen, so ist es Tradition. Als der Vater aus dem Inneren des Diners zurückkehrt, ist die Tochter verschwunden. Das ist die Urkatastrophe, die die Ereignisse in The Captive auslöst. Aber so steigt Atom Egoyan in seinen neuen Film nicht ein. Am Anfang steht bei ihm der Täter (Kevin Durand). Er führt ein respektables Leben als Angestellter bei einer großen Firma, mit einem weitläufigen Haus in der Region Niagara. In dem Gebäude gibt es eine mehrfach gesicherte Panzertür. Und dahinter lebt Pauline.

Das Mädchen (Alexia Fast) ist mittlerweile sechzehn Jahre alt, eine junge Frau. Ihr Entführer hat deswegen das Interesse an ihr verloren. Aber daran, sein Opfer in die Freiheit zu entlassen, denkt er bei Weitem nicht. Pauline ist wertvoll für ihn und seine Komplizen, denn indem er über sie mit ihren Eltern in Kontakt tritt, kann er die Strategien der Polizei ausspionieren, die Kindesentführern und Sexualstraftätern auf den Fersen sind. So wie die Detectives Nicole (Rosario Dawson) und Jeffrey (Scott Speedman), die seit nunmehr acht Jahren am Fall der verschwundenen Pauline arbeiten.

© ARP Selection

© ARP Selection

Hätte ich The Captive wahllos nach einem anstrengenden Tag nebenbei auf der Couch sitzend geguckt, hätte ich den Film wahrscheinlich einfach als mittelmäßig unterhaltsam hingenommen und abgehakt. Aber ich habe The Captive im Wettbewerb eines internationalen Festivals gesehen und da frage ich mich ehrlich gesagt, was er in einem solchen Wettbewerb zu suchen hat. Und noch viel mehr frage ich mich, was er zu der komplexen und zwangsläufig emotionalen Debatte um Kindesmissbrauch und Pädophilie beizutragen hat. Denn wie Egoyan seine Figuren anlegt, ist das hochgradig problematisch. Vor allem der Täter entspricht dem absoluten Klischee des exzentrisch bis perversen Monsters, an dem wir unsere eigenen Vorurteile und voyeuristischen Gelüste ergötzen können.

Der meist wesentlich komplexeren Realität entspricht das in keiner Weise. Kein Wort über den Aspekt der psychischen Störung und die inneren Kämpfe, die Pädophilie meist mit sich bringt. Kein Wort darüber, wie sehr die jungen Opfer wirklich unter Entführung und Missbrauch leiden. Das Thema ist einfach viel zu ernst, um es auf die liderliche Weise zu behandeln, die Atom Egoyan hier an den Tag legt. Er verwendet seine Zeit lieber darauf, den Täter noch ein weniger perfider zu zeichnen und immer noch eine Wendung in den Plot einzubauen, der darauf abzielt, einen unheimlich atmosphärischen Thriller zu kreieren; ein Anspruch, den es nur mäßig umzusetzen gelingt. Von Feingefühl zeugt das nicht gerade. Und auch nicht von gutem Geschmack.

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2 Antworten zu “CANNES 2014: THE CAPTIVE

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