CANNES 2014 OPENER: GRACE OF MONACO

Möchte man die Geschichte von Grace Kelly in eine Genreschublade einordnen, passt wohl keine Gattung so gut wie die des Märchens. Eine wunderschöne Schauspielerin, die einen Prinzen heiratet, zu ihm aufs Schloss zieht und nach der Traumhochzeit hübsch gelockte Kinder zur Welt bringt. Das ist eine Geschichte wie aus dem Märchenbuch, natürlich. Und sie sind bezaubernd, diese Märchen. Aber sie sind eben auch nicht von dieser Welt. Und sie brechen ab, wenn es eigentlich am interessantesten wird. Meist bleibt es nicht bei der verheißungsvollen Aussage: „and they lived happily ever after.“

© Gaumont

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Grace of Monaco setzt an genau dieser Stelle an. Die Hochzeit ist vorbei, die Kinder stressen, die Eheleute treten sich gegenseitig auf die Füße – eigentlich ganz normal. Nur schaut in diesem Fall die ganze Welt zu. Die Geschichte des Hollywoodstars, der zur Prinzessin wurde und schließlich bei einem Autounfall in der Nähe von Nizza tragisch verunglückte, fasziniert noch heute die Menschen. So wie dieser kleine Zwergenstaat Monaco, der seit Jahrhunderten Frankreich trotzt und deren Einwohner wunderbarerweise von der Steuer befreit sind. Es ist eben wie im Märchen, dieses Land hinter den sieben Bergen. Grace of Monaco von Olivier Dahan passt geografisch nahezu perfekt an die Croisette, und mit seiner Starbesetzung ist der Film definitiv auch publikumswirksam. Ein altehrwürdiges Festival wie Cannes zu eröffnen, erfordert aber im Idealfall mehr als das.

© Gaumont

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Zynisch argumentiert ließe sich vielleicht feststellen, dass der Weg vom Märchen über Boulevardzeitungen bis hin zum Arztroman nicht weit ist. Leider ist es aber genau ein solches Publikum, das an Grace of Monaco Gefallen finden wird. Das Problem dabei ist nicht die eigentliche Geschichte der Grazia Patrizia – die hat ja unglaublicherweise genau so stattgefunden. Das Problem ist vielmehr die Inszenierung, die permanent zwischen Hitchcock-Hommage und … ja, eben dem bildgewordenen Arztroman schwankt. Dazu trägt zum einen die unerträglich aufdringliche Musik bei, die dramatische Momente so überdeutlich unterstreicht, dass Olivier Dahan seinen eigenen Film im Grunde unmöglich erst nehmen kann. Er ist ein artifizielles Konstrukt, und erstmal ist das auch sehr passend – ein Märchen ist nun einmal von vorne bis hinten konstruiert und liefert auch gleich noch die Moral mit. Allerdings pflegt der Regisseur hier in allem zu übertreiben. Von den Dialogzeilen, die zeitweise die Qualität mittelmäßiger Telenovelas aufweisen, bis hin zu den extremen Close-Ups auf Nicole Kidman, deren eingeschränkte Mimik eben durch die Nähe wettgemacht werden muss.

© Gaumont

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Überhaupt, die Figuren. Es gibt sie, diese kleinen Momente, in denen die Kidman tatsächlich einen Hauch von Grace Kelly umweht. Die meiste Zeit ist sie dann aber doch einfach Nicole Kidman, der wir beim Overacting zuschauen. Und dabei spielt sie sogar noch relativ solide. In Grace of Monaco tauchen neben ihr aber auch allerhand weitere historische Persönlichkeiten auf, von Alfred Hitchcock bis Charles de Gaulle. Hier beweist Olivier Dahan leider nicht sonderlich viel Gefühl für Nuancen. Er zeichnet die beiden Männer als Witzfiguren, als Karikaturen ihrer selbst, wie sie in einer komödiantischen Parodie nicht besser aufgehoben wären. Dabei ist gerade Alfred Hitchcock außerordentlich wichtig für den Film. Nicht nur, weil er als quasi personifizierter McGuffin funktioniert, der die ehelichen Streitereien aufrecht erhält, sondern auch, weil sich Dahan bei ihm einiges an visuellen Mitteln abgeschaut hat. Autofahrten sehen hier aus wie in Über den Dächern von Nizza, die Farben bei den Außenaufnahmen strahlen wie in den besten Zeiten des Technicolor-Verfahrens und auch bei strategischen Besprechungen zwischen Fürst Rainier und seinen Beratern setzt der Regisseur auf den Aufbau von Suspense und Atmosphäre à la Hitchcock. In diesen Momenten steckt gutes Handwerk, das Grace of Monaco immer wieder hübsch anzusehen macht.

Aber wenn ein Film schon verspricht, die eigentlichen Personen hinter der Märchenfassade zu portraitieren, dann erwarte ich doch ein bisschen mehr als nur etwas Hübsches. Raum im Plot nimmt die Krise ein, die Monaco und Frankreich miteinander ausfechten, ein mutmaßlicher Spion am Hof sorgt für Paranoia und dann ist da dieser dicke Filmregisseur aus Amerika, der die First Lady einfach nicht mit ihrem offiziellen Titel ansprechen will. All diese Fäden laufen zusammen, aber sie verbinden sich nicht zu einem konsistenten Ganzen. Sie weben eine neue Fassade, hinter der die Figuren erneut verschwinden können. Weder Grace Kelly, noch die Fürstin kommt uns wirklich näher. Ihre Entscheidung, trotz persönlichen Unglücks am Hof von Monaco zu bleiben, erscheint uns seltsam nebulös. Ein Opfer zu bringen, das nur zur Aufrechterhaltung der Fassade beiträgt, ist doch im Grunde ein Opfer, das ins Leere läuft. So wie dieser Film. Am Ende des Festivals von Cannes 2014 wird sicher viel zu reden sein – Grace of Monaco ist dann aber bestimmt schon längst wieder vergessen.

Kinostart: 15. Mai 2014

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