ANN HUI: TAO JIE – EIN EINFACHES LEBEN

Als Kind spielte ich eine Weile in einem Orchester, das regelmäßig den Altenheimen in der Umgebung Besuche abstattete. Und irgendwie hat mich das total traumatisiert: den allergrößten Respekt für die Menschen, die sich tagtäglich all der Einsamkeit und dem menschlichen Elend aussetzen können, ohne dabei in tiefste Depressionen zu verfallen. Für mich sind Altenheime neben Krankenhäusern so ziemlich das Schlimmste. Deswegen habe ich auch eine ganze Weile überlegt, ob ich mir den Film Tao Jie – Ein Einfaches Leben antun sollte, spielt er doch zu einem Großteil in einem Altenheim in Hongkong. Aber irgendwann muss man ja mal sanft in die Selbsttherapie einsteigen, dachte ich mir, und bin hingegangen. Geheilt bin ich nun sicher nicht, aber ich habe es auch nicht bereut.

Im Mittelpunkt von Tao Jie – Ein Einfaches Leben steht Chung Chun Tao (Deanie Ip), genannt Ah Tao, deren Eltern früh starben und deren Adoptiveltern sie als Dienstmädchen in die Familie Leung schickten. Dort blieb sie über sechzig Jahre, zog drei Generationen Kinder groß und wurde mehr und mehr selbst zu einem Familienmitglied. Nachdem die meisten Leungs allerdings in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind, ist in Hongkong nur noch der 40-jähige, unverheiratete Filmproduzent Roger (Andy Lau) übrig, um den sie sich kümmern kann. Aber auch vor Ah Tao macht das Altern keinen Halt und bald braucht die sonst so eigenständige Dame selbst Hilfe. Als sie in ein Altersheim muss, fällt Roger erst auf, was ihm seine ehemalige Haushälterin eigentlich bedeutet.

© Fugu Film Verleih

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Die Hongkong New Wave-Regisseurin Ann Hui hat mit Ah Tao eine Figur auf der großen Leinwand zum Leben erweckt, auf die herabzusehen uns wohl auf den ersten Blick leichtfallen würde. Über Jahrzehnte nichts anderes zu sein als ein Hausmädchen in ein und der selben Familie, das kann doch in unserer Vorstellung unmöglich ein erstrebenswertes Ziel sein. Aber die Kamera betrachtet die Titelheldin geradezu liebevoll dabei, wie sie ihre täglichen Einkäufe auf dem Markt erledigt, für ihren mäkeligen Roger die Mahlzeiten frisch zubereitet, wie sie die Wäsche macht oder sich mit der fetten Hauskatze anfreundet. Und dabei erscheint sie stets so gut gelaunt, zufrieden und ausgeglichen, dass wir uns dabei ertappen, sie nicht als Dienstmädchen, sondern viel lieber als nette Großmutter in unserem eigenen Haus haben zu wollen. Das fällt auch Roger schnell auf, dem in ihrer Anwesenheit nichts übrig bleibt, als den Haushalt schleifen zu lassen. Sein Verlust geht aber über den einer abhanden gekommenen Haushaltshilfe hinaus. Auf der Suche nach einem Altenheim stellt er sich als Ah Taos Patensohn vor, um sie nicht wegen ihrer Stellung in Verlegenheit zu bringen und scheint die ältliche Dame auch sonst immer mehr als eigenen Mutterersatz anzusehen.

© Fugu Film Verleih

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Mit dieser Einstellung heimst er sich zwar überall Anerkennung ein, in der Praxis steht er mit seinem Verhalten aber so ziemlich allein da. Denn nicht nur seine Familie ist die meiste Zeit auf einem anderen Kontinent, auch im geschäftigen Hongkong leben die Alten, die nicht mehr messbar produktiven Mitglieder der Gesellschaft, ganz am Rand des Wahrnehmbaren. In seinem Job verhandelt Roger mit Filmemachern mit Hang zum Überziehen des Budgets um Millionenbeiträge (übrigens eine sehr amüsante Szene, in der Ann Hui Kollegen wie Tsui Hark zum Stelldichein vor die Kamera bittet), während Altenheime entweder von mafiösen Typen geführt werden und den Staat hinters Licht führen müssen, um zu überleben, oder die Bewohner abgefertigt werden wie am Fließband. Das Heim, in dem Ah Tao schließlich landet, ist noch ein vergleichsweise Gutes, aber auch hier schlafen die Menschen nur in winzigen Boxen ohne Privatsphäre. Und dass ein Bewohner regelmäßig Besuch erhält, ist auch eher Ausnahme als Regel.

© Fugu Film Verleih

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Ann Hui klagt in Tao Jie – Ein Einfaches Leben aber weder die Angehörigen, noch den Staat oder die Verhältnisse im Einzelnen an. Sie zeigt sie eher beiläufig und legt den Fokus vielmehr auf das Verhältnis zwischen Ah Tao und Roger, als leuchtendes Beispiel für einen würdevolleren Weg. Die Darstellung dieser Beziehung ist es dann auch, die letztlich doch vorhersehbar und nicht selten etwas rührig pathetisch gerät. Dazu ist jedoch zu sagen, dass wenn auch nicht die Inszenierung, so aber doch immerhin der Handlungsverlauf strikt vorgegeben war, da der Film Geschehnisse wiedergibt, die dem Drehbuchautoren genauso widerfahren sind. Wer sich nicht dafür begeistern kann, auch ohne großen Spannungsbogen einfachen Menschen bei ihren täglichen Handlungen und Verfehlungen zuzusehen, der wird sich schon wegen des langsamen Erzähltempos bei Tao Jie – Ein Einfaches Leben schnell langweilen. Für alle anderen ist dieser Film aber eine echte kleine Perle, ein Blick in eine schnell übersehene und meist lieber ausgeblendete Welt.

Kinostart: 24. April 2014

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Eine Antwort zu “ANN HUI: TAO JIE – EIN EINFACHES LEBEN

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