HAOLUN SHU: SHANGHAI, SHIMEN ROAD

Als ich 2010 in Shanghai war, steckte ich mitten in einer exzessiven Fotografiephase, hatte meine erste Spiegelreflexkamera und ein ausgeliehenes Teleobjektiv dabei, und lief damit wie berauscht durch die brütend heiße Stadt. Ein Motiv hatte es mir dabei besonders angetan: traditionelle Häuser der Altstadt oder der Parks, dahinter die abgerissenen Wohnhäuser der unteren Mittelschicht und im Hintergrund hoch darüber aufragend moderne Glasfassaden der Wolkenkratzer. Shanghai ist eine verrückte Stadt und es ist ihr auf den ersten Blick anzusehen, dass sie sich in den letzten dreißig Jahren verändert hat wie kaum eine andere.

© Kairos Filmverleih

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Genau das macht auch der Film Shanghai, Shimen Road zu Thema. 1988 lebt Xiaoli (Even Cheng) in Shanghai bei seinem Großvater (Shouqin Xu) in einem einfachen Wohnhaus mit mehreren Parteien. Seine Mutter ist in die USA ausgewandert und will ihren Sohn so bald wie möglich nachholen, doch der möchte viel lieber in China bleiben. Denn das Land und die Stadt befinden sich in Bewegung. In Peking demonstrieren die Studenten auf dem Tian’anmen und mit der neuen Kamera, die Xiaoli zum Abschied von seiner Mutter bekam, dokumentiert er das Leben in seiner Straße, den Alltag seiner hübschen Nachbarin Lanmi (Xufei Zhai) und fährt schließlich sogar mit seiner politisch engagierten Schulfreundin Lili (Lili Wang) in die Hauptstadt. Seinem linientreuen Lehrer ist der künstlerisch und gesellschaftlich interessierte 17-jährige bald ein Dorn im Auge.

Xiaoli nimmt uns mit in dieses in Veränderung begriffene Shanghai und zeigt uns seine eigene Version der Stadt. Seine schwarz-weißen Aufnahmen haben lange nicht das exakte Gespür für den magischen Augenblick wie die seines großen Vorbildes Henri Cartier-Bresson, dessen chinesisches Äquivalent er werden will. Aber sie haben einen rauen Stil, ein Gefühl von Flüchtigkeit an sich, ob das Motiv nun die tanzende Lanmi ist, oder die von Backsteinhäusern gesäumte Straße, die in einigen Jahren so nicht mehr existieren wird. Auf grobkörnig verrauschtem Filmmaterial liefert uns der Regisseur Haolun Shu, der ursprünglich aus dem Bereich des Dokumentarfilms kommt, hier einen Film, der inhaltlich zwar nicht gerade Spannung aufbaut, dafür aber das wahlweise charmante oder bedrückende Gefühl einer Zeitkapsel heraufbeschwört.

© Kairos Filmverleih

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Amerika ist im China der späten 1980er Jahre ein diffuses Traumgebilde, je nach Überzeugung Sehnsuchtsort oder Staatsfeind Nummer Eins. Wenn Lanmi in ein Luxushotel geht, der einzige erreichbare Berührungspunkt mit dem Okzident, um dort die westlichen Touristen zu begleiten, dann erinnert das manchmal an Erzählungen meiner Bekannter, die ihre Jugend in Ostberlin verbrachten und für ein bisschen Dekadenz den Blick in Richtung Palast der Republik wendeten. In einer aufwendigen Zeremonie genießen die Jugendlichen hier zwei kleine Fläschchen mit echter Coca Cola, nur um von Xiaolis verärgertem Großvater zu hören, in Amerika bei seiner Mutter sei Cola wie Leitungswasser. Die alte Generation leidet hier oft noch sichtbar unter den Erinnerungen und Folgen der Kulturrevolution, die Jugend hat aber schon ihr eigenes Trauma gefunden. Und sie will es nicht tatenlos hinnehmen.

© Kairos Filmverleih

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Hier kommt dann auch schließlich der Eindruck von Bedrängnis ins Spiel. Denn während sich Xiaoli auf dem neuen Fernseher der Familie die ersten Kundgebungen auf dem Pekinger Tian’anmen anschaut, wissen wir bereits, wie diese Proteste enden werden und dass es in China noch Jahrzehnte später verboten sein wird, nach diesen Ereignissen auch nur zu googeln. Wir sehen die Backsteinhäuser in der Shimen Road und denken an Berichte wie die des Bloggers Ai Weiwei, der einst davon schrieb, wie Behörden des Regimes ohne Vorwarnung das traditionell geklinkerte Haus seiner Mutter mit grauem Beton verkleideten, so wie alle anderen Gebäude der Straße. Die Wurzeln der Menschen verschwinden, platt gemacht von seelenlosen Riesen aus Stahl, Beton und Glas; Fortschritt um des Fortschritts willen. Auch Xiaoli, der Jahre später nach seinem Studium in den USA in seine alte Straße zurückkehrt, muss feststellen, dass diese nur noch eine verfallene Ruine ist, verschluckt im durch und durch verwandelten Shanghai.

Kinostart: 06. März 2014

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Eine Antwort zu “HAOLUN SHU: SHANGHAI, SHIMEN ROAD

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