BERLINALE FORUM: FREE RANGE – BALLAAD MAAILMA HEAKSKIITMISEST

Mein allerletzter Film auf der Berlinale 2014 war auch gleichzeitig mein einziger Film aus der Sektion Forum. Irgendwas muss man ja blöderweise immer vernachlässigen. Und so wird dies hier auch meine letzte Berlinale-Kritik sein. Ein schöner und entspannter Abschluss nach dem Schock, den mir Tui Na eingebracht hatte. Den Film mit dem unaussprechlichen estnischen Untertitel Ballaad maailma heakskiitmisest werde ich künftig der Einfachheit halber nur noch bei seinem bündigen englischen Namen nennen: Free Range.

© Homeless Bob Production

© Homeless Bob Production

Der estnische Titel des Filmes – und nein, ich werde ihn nicht noch einmal ausschreiben (obwohl, bald kann ich’s ohne Nachgucken) – bedeutet übersetzt soviel wie „ballad on approving of the world“, so sagen es mir zumindest die Einblendungen am Schluss des Filmes. Irgendwie macht das auch Sinn, denn was wir hier zu sehen bekommen, ist eine Art Coming of Age-Film, nur ohne Teenager. Fred (Lauri Lagle) weiß nicht, wohin mit sich. Weil er eine Filmkritik über Terrence Malicks Tree of Life nur aus Schimpfwörtern zusammengestoppelt hat, wirft ihn sein Chef kurzerhand raus. Mit seinem Romandebüt kommt er aber auch nicht voran und erträgt schon gar keine Kritik. Dann offenbart ihm zu allem Überfluss auch noch seine Freundin Susanna (Jaanika Arum), dass sie schwanger ist. Für Fred ist das alles zu viel. Er ist nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen und hat keine Ahnung, wie sein Leben eigentlich funktionieren soll. Resigniert schwört er dem Intellekt ab und nimmt einen Job als Gabelstaplerfahrer an. Aber auch hier langweilt er sich nur allzu schnell.

© Homeless Bob Production

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Free Range hatte ich zu Anfang der Berlinale eigentlich gar nicht auf dem Schirm. Erst in einem Artikel auf dem Blog Stil in Berlin bin ich auf ihn gestoßen. Das Ding mit der Malick-Kritik hat mich sofort überzeugt. Und irgendwie passt der Fundort auch, denn Free Range könnte man als den Inbegriff des Hipsterfilms bezeichnen. Der Soundtrack, den ich übrigens ganz großartig fand, könnte auch auf einer Kassette aufgenommen im Retro-Rekorder einer Wohnung in Friedrichshain laufen (von Arvo Pärt bis zu einer dämonisch verlangsamten Version von „Forever Young“ ist alles dabei) und die planlosen Figuren tragen skandinavisch schlichte bis berlinerisch verlotterte Mode oder exzentrische Norwegerpullis. Fred selbst hat unter seinem grauen Business-Anzug im Büro sogar rote Rentiersocken in seinen Schuhen stecken.

Ich gehöre zwar nicht unbedingt zu den weitverbreiteten Hipster-Bashern, trotzdem passiert es dem Film aber manchmal, dass er in Klischees abrutscht, die den Jutebeutelträgern gern hämisch nachgesagt werden. Zu viel Kalkül, allerhand Referenzen, die exzentrische Oberfläche gespickt mit ein paar klugen Zitaten (vorzugsweise von Nietzsche oder den Existenzialisten), viel mehr stecke nicht dahinter. Free Range springt immer mal wieder auf diesen Zug und wirkt dann doch zu gewollt, um wirklich originell zu sein. Obwohl schon allerhand schöne Ideen in ihm stecken. Dass Fred zum Beispiel mit seinem Gabelstapler große Holzcontainer zu wackeligen Gebilden stapelt und damit seinen Chef zur Weißglut treibt, das hat schon Charme. Manchmal scheidet die dem Film eigene Ironie aber auch die Geister. Als plötzlich weiße Pferde wie im Traum in Zeitlupe durchs Bild galoppierten, lachte die eine Hälfte der Zuschauer im Saal laut auf, während die andere Hälfte nur noch seufzend das Gesicht in den Händen vergrub (wobei ich mich ehrlich gesagt zu Ersteren zähle).

© Homeless Bob Production

© Homeless Bob Production

Trotz der ausgeschmückten Oberfläche und der manchmal etwas überdrehten Metaphorik von Free Range war es dann aber doch möglich, sich immer wieder an die Hauptfigur Fred heranzutasten, die über die gesamte Laufzeit hinweg als Konstante die Perspektive liefert, durch die wir auf die dargestellte Welt blicken. Dabei hilft vor allem die Kamera: sie nimmt ständig die Bewegung der Figuren auf. Laufen sie, wackelt die Kamera ihnen hinterher, unterhalten sie sich still in einem Raum, verharrt die Kamera bewegungslos, tanzen sie, dreht sich die Kamera um sie, rast Fred im Affenzahn in seinem Gabelstapler über das Firmengelände, folgt ihm die Kamera in schnellen, fließenden Fahrten. Und so vereinnahmt uns Free Range doch immer wieder, obwohl Fred manchmal tatsächlich ziemlich unsympathische oder gar soziopathische Züge trägt. Und selbst wer den Film nicht mag, wird nichtsdestotrotz den Soundtrack mögen. Eine Playlist gibt es hier. Für mich war das genau der richtige Abschluss für die Berlinale 2014.

Free Range auf der offiziellen Berlinale-Website

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