BERLINALE WETTBEWERB: CHIISAI OUCHI

Gestern gab es bei der Verleihung der Bären auf der Berlinale 2014 nicht nur eine Überraschung für mich. Eine davon war der Silberne Bär für die Beste Schauspielerin Haru Kuroki aus dem japanischen Drama Chiisai Ouchi (The Little House) von Altmeister Yôji Yamada. Erwartet habe ich diese Entscheidung der Jury nicht – und sie dann aber doch als positive Überraschung verbucht.

© „The Little House“ Film Partners

© „The Little House“ Film Partners

So schüchtern wie die kleine Japanerin gestern in ihrem beeindruckenden Kimono auftrat, so eine schüchterne Figur spielt sie auch in Chiisai Ouchi. Sie verkörpert das junge Mädchen Taki aus der japanischen Provinz, das nach Tokio kommt, um dort als Haushälterin bei einer wohlhabenden Familie zu arbeiten. Die Hirais besitzen das einzige moderne Haus mit rot gedecktem Dach auf dem Hügel in Tokio und Taki fühlt sich hier schnell zuhause. Ihre Zuneigung geht so weit, dass sie Kyoichi, den kleinen Sohn der Hirais, jeden Tag auf dem Rücken in eine weit entfernte Klinik trägt, als dieser an Polio erkrankt. Auch mit dessen schöner Mutter Tokiko (Takako Matsu) verbindet sie bald eine zarte Freundschaft, die allerdings auf die Probe gestellt wird, als Tokiko sich in den jungen Künstler Itakura (Hidetaka Yoshioka), einen neuen Kollegen in der Spielzeugfirma ihres konservativen Mannes Masaki (Takataro Kataoka), verliebt. Im Hintergrund zieht derweil der Zweite Weltkrieg herauf, Lebensmittel werden knapp und immer mehr Männer erhalten ihren Einberufungsbefehl in die Armee.

© „The Little House“ Film Partners

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Würde jemand mich danach fragen, wie ein klassisches japanisches Melodram typischerweise aussieht, dann würde ich ihm wohl Chiisai Ouchi zeigen. Auf inhaltlicher Ebene bekommen wir hier schließlich mit einem Krieg, Verwebungen der Vergangenheit mit der Gegenwart und einer auf ihr unglückliches Ende vorprogrammierten Liebesgeschichte einen melodramatischen Stoff präsentiert, wie er im Buche steht. Aber auch stilistisch spielt Regisseur Yôji Yamada immer wieder auf eine vergangene Hochzeit des japanischen Kinos an. Lichtsetzung und Farbgebung sorgen in vielen Szenen für eine artifizielle Studioatmosphäre und starre Kameraeinstellungen auf halber Höhe erinnern ununterbrochen an die Werke des fernöstlichen Filmpioniers Yasujiro Ozu.

Der altbekannte klassische Stil ist hübsch anzusehen, sorgt im gleichen Zug aber auch dafür, dass Chiisai Ouchi nicht wirklich überrascht. Als filmgeschichtlich vorgebildete Zuschauer erahnen wir ohne großen Aufwand den Fortgang und das Ende der Geschichte und bekommen hier keine neuen Visionen und Perspektiven präsentiert. Richtige Langeweile kommt aber dennoch nicht auf, denn zum einen ist das Melodram wunderschön fotografiert, zum anderen sorgt eine Rahmenhandlung immer wieder für Brüche. Wir erfahren von der Familiengeschichte der Harais nämlich durch die Memoiren der mittlerweile gealterten Taki (Cheiko Baisho), die Jahrzehnte später in fein säuberlicher Handschrift Zeilen füllt und sie ihrem Neffen Takeshi (Satoshi Tsumabuki) zum Korrekturlesen überlässt, kurz bevor sie kinderlos stirbt.

© „The Little House“ Film Partners

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In vielen dieser gegenwärtigen, aber auch der längst vergangenen Sequenzen ist es denn auch tatsächlich die überdurchschnittliche Schauspielarbeit, die über die Laufzeit von Chiisai Ouchi hinwegträgt. Cheiko Baisho als gealterte Taki verleiht ihrer Rolle abgeklärte Altersweisheit und manchmal auch die Ruppigkeit einer Frau, die niemandem mehr einen Gefallen schuldig ist. Aber auch Zerbrechlichkeit und Verzweiflung scheinen durch, wenn sie sich an bestimmte Episoden ihrer Zeit bei den Harais erinnert. Haru Kuroki gelingt hingegen das Kunststück, ein verschüchtertes Mäuschen überzeugend zu spielen und dabei trotzdem auch in einem Raum voller Darsteller alle Blicke auf sich zu sehen. In ihrer Zurückhaltung liegt die ganze Stärke ihrer Präsenz.

© „The Little House“ Film Partners

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Während die Figuren im kleinen roten Haus in Tokio gegen immer heftigere Stürme, gegen die Entbehrungen des Krieges und ihre eigenen Gefühle kämpfen müssen, verhandelt Yôji Yamada den Umgang mit einem Teil japanischer Geschichte, der noch immer einiger Aufarbeitung bedarf. Neffe Takeshi beharrt immer wieder auf historischen Fakten, wenn seine Tante Taki dazu tendiert, sich die Vergangenheit schön zu reden. In den beiden spiegelt sich aber auch ein aufrichtiges Interesse der Generationen aneinander. Taki begeistert ihn bei den gemeinsam Lektorats-Stunden mit ihren Kochkünsten, so wie sie schon Jahrzehnte zuvor die Familie Harai mit ihrer wundersamen Reiskuchensuppe oder wärmenden Udon-Nudeln an einem Tisch zusammenbrachte. Besonders für Liebhaber des asiatischen Kinos, tragischer Melodramen oder für zeitgeschichtlich Interessierte dürfte Chiisai Ouchi eine kleine filmische Zeitkapsel sein, in die es sich einzusteigen lohnt.

Chiisai Ouchi auf der offiziellen Berlinale-Website

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Eine Antwort zu “BERLINALE WETTBEWERB: CHIISAI OUCHI

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