BERLINALE GENERATION: GALORE

Filme aus Australien überraschen mich einfach immer wieder. Sie sind Filmen aus Nordamerika oder speziell Hollywood oft gar nicht unähnlich und haben trotzdem etwas so ganz anderes an sich. Dieses Down Under-Feeling eben. Auf der Berlinale habe ich dieses Jahr schon 52 Tuesdays aus dem Land of Oz gesehen und heute folgte eine zweite Produktion: Galore.

Billie (Ashleigh Cummings) ist verliebt. Und zwar so richtig. Ihren Schatz, den Skater Danny (Toby Wallace), kann sie aber immer nur heimlich im Auto an einem abgelegenen See treffen, denn eigentlich ist er mit Billies bester Freundin Laura (Lily Sullivan) zusammen. Die beiden kennen sich seit Jahren und teilen alles miteinander, bis auf dieses pikante Detail eben. Aber Laura ist nicht dumm. Sie bemerkt, dass zwischen Billie und Danny eine Anziehungskraft besteht. Vorerst ist Verdrängen jedoch leichter. Die Teenager leben in einem ländlich anmutenden Teil von Canberra, und weil es hier nicht besonders viel zu tun gibt, feiern sie immer wieder exzessive Parties, rauchen, trinken, flirten. Besonders Billie, durch die vertrackte Situation zunehmend frustriert, lässt es immer wieder krachen. Eines Abends klaut sie ein Auto und geht mit ihren Freunden auf Spritztour – eine spontane Entscheidung, die schwere Konsequenzen nach sich zieht.

© Rhys Graham

© Rhys Graham

„An immensity of something“, so erklärt Darstellerin Ashleigh Cummings den Begriff „Galore“ nach dem Screening des Filmes im Q&A. Eine Masse an Emotionen tragen die Figuren in Galore tatsächlich mit sich herum, denn eine Katastrophe folgt im Film auf den anderen. Dramatik fehlt dem Werk des Australiers Rhys Graham garantiert nicht. Geschickt zusammengehalten werden die Ereignisse in Galore  durch eine Thematik, die jeder aus den Nachrichten kennt und schnell mit dem fünften Kontinent assoziiert: Feuer. Buschbrände nähern sich Canberra, die warnenden Rauchsäulen kommen hinter den Hügeln immer näher, stets auf eine dräuende Gefahr hinweisend, und ziehen sich durch den Film wie ein roter Faden. Im Aufrechterhalten von Atmosphären erweist sich Rhys Graham als ein Könner, ob es dabei um die Ratlosigkeit der Teenager geht, um die stets präsente Bedrohung oder eine permanente unterschwellige Aggression, die die Jugendlichen an diesem eingeschlafenen Ort in sich tragen. Tatsächlich ist Galore nämlich an manchen Stellen sehr berührend, ohne dabei in hoffnungslosen Kitsch abzugleiten. Ich glaube fast, hier den bislang emotional mitreißendsten Film meiner Berlinale gesehen zu haben.

© Rhys Graham

© Rhys Graham

Von Zeit zu Zeit krankt das Werk dann aber doch an lauter Ungereimtheiten. Zunächst einmal ist ein starkes Qualitätsgefälle zwischen den Schauspielern zu bemerken. Die Darstellerinnen machen ihre Sache weitgehend gut, und auch Aliki Matangi, der einen weiteren Freund der Gruppe namens Isaac verkörpert, überzeugt in seiner Rolle. Der Darsteller des Danny ist in meinen Augen jedoch eine veritable Fehlbesetzung. Optisch wie ein Boyband-Mitglied aus den 90er Jahren anmutend, sieht er nicht nur viel zu jung aus, um Billies Flamme zu spielen, er agiert dabei auch fürchterlich hölzern. Ähnlich sieht es bei einem Nebendarsteller aus, auf den sich Billie kurzzeitig zwecks Ablenkung einlässt. Der ganze Kinosaal kicherte, denn niemand konnte glauben, dass sich eine junge Frau wie Billie auf ein halbes Kind mit Surferfrisur einlassen würde. Nicht mal aus Verzweiflung.

Solche Logiklücken weist Galore leider immer wieder auf. Auch ein Autounfall, bei dem sich The Fast and the Furious-mäßig ein Auto mehrfach überschlägt und auf dem Dach landet, endet vorerst ohne einen einzigen ausgeschlagenen Zahn oder auch nur eine Schramme. Zwar korrigiert der Film im Nachhinein diesen Anschein, im ersten Augenblick gibt es aber doch einen ausgewachsenen WTF-Moment.

© Rhys Graham

© Rhys Graham

Zum Glück besteht Galore dann aber doch nicht nur aus Schnitzern und Ungereimtheiten zuhauf. Rhys Graham geht mit seiner Kamera immer wieder unheimlich nah an die Figuren heran, zeigt sie besonders in intimen Momenten ein ums andere Mal in Close-Ups und zeichnet interessante und vielschichtige Charaktere, die sich immer wieder falsch entscheiden, obwohl sie doch eigentlich nur alles richtig machen wollen. Insofern ist Galore eine tiefe Tragik eingeschrieben, denn jeder Schritt in Richtung Feuer scheint unausweichlich vorbestimmt. Und hätten der Regisseur und seine Hauptdarstellerin gegen Ende einen kleinen Tick weniger auf Overacting gesetzt, hätte mir auch der Schluss noch mehr zugesagt. So ist Galore letztlich ein für Berlinale-Verhältnisse sehr massentauglicher Film geworden, und das meine ich gar nicht so negativ wie es klingt. Keine große Kunst, aber weitgehend solides Handwerk mit einer „immensity of emotions“.

Galore auf der offiziellen Berlinale-Website

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