BERLINALE GENERATION: GOD HELP THE GIRL

Und schon wieder ein Kinosaal voller Teenager. Aber diesmal glücklicherweise nicht ganz so ätzende wie gestern. God Help The Girl wollte ich in dem Moment sehen, als ich das erste Mal las, dass der Film ins Programm der Berlinale aufgenommen war. Denn da klingelte sofort etwas bei mir: das Album hatte ich doch mal gedownloaded! Und das war gar nicht schlecht. „God Help The Girl“ hieß nämlich ein musikalisches Projekt, für das Stuart Murdoch, der Leadsänger der Band Belle & Sebastian, eine Handvoll vielversprechender Sängerinnen versammelt hatte.

© FINDLAY PRODUCTIONS LIMITED 2012

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Der Film God Help the Girl verpackt die Songs vom Album nun in ein zuckersüßes Coming of Age-Musical mit Schlagsahnehäubchen und Kirsche. Emily Browning spielt das junge Mädchen Eve, das in Glasgow in einer Klinik für Essstörungen sitzt. Ihre Magersucht ist noch nicht überstanden, doch Eve verlässt immer wieder das Krankenhaus und trifft auf einem Konzert den frustrierten Sänger James (Olly Alexander) und freundet sich mit ihm an. Als sie auch noch dessen Musikschülerin Cassie (Hannah Murray) kennenlernt, werden die drei nicht nur zu einer Clique, sondern gleich zu einer Band. Eve singt und schreibt wunderschöne, zarte Popsongs und eigentlich könnten die drei durchstarten. Aber Eve ist eben psychisch nicht stabil. Und dann ist da noch dieser andere Sänger, der aufregende Franzose Anton (Pierre Boulanger).

© FINDLAY PRODUCTIONS LIMITED 2012

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Also. Ich habe definitiv meine Probleme mit Musicals. Irgendwie setzt bei mir immer so eine seltsame Form von Unwohlsein ein, wenn die Figuren auf der Leinwand plötzlich anfangen zu singen und niemand findet es komisch. Als das erste Lied dann anfing, wollte ich schon gequält aufstöhnen. Es stellte sich dann aber doch glücklicherweise sehr schnell die Erkenntnis ein, dass God Help the Girl mit seinen Musicalsequenzen äußerst offensiv umgeht – und irgendwie fiel es dann doch leicht, sich darauf einzulassen. Das Regiedebüt von Stuart Murdoch nimmt immer wieder die Optik eines Musikvideos an, mit echten Choreografien, rhythmischen Schnitten und Schauspielern, die die vierte Wand durchbrechen und direkt in die Kamera singen.

Aber auch außerhalb der einzelnen Lieder ist God Help the Girl ein durch und durch artifizieller Film. Grobkörnige, auf Film gedrehte Erinnerungszenen unterbrechen von Zeit zu Zeit den Handlungsfluss, die Figuren tragen nicht nur Kleider sondern etwas, das man als regelrechte Kostüme unterschiedlicher Stilrichtungen bezeichnen könnte, der Klang der Gespräche kommt manchmal von einer deutlich bemerkbar separat eingesprochenen Tonspur und auch auf der Handlungsebene gibt es immer wieder  diese überstilisierten Kunstgriffe. Oder wie sonst wäre zu erklären, dass Cassie beim Auftauchen eines fremden Hundes sofort mitschneidet, dass dieser sie zu einem spontanen Auftritt der Band abholen soll?

© FINDLAY PRODUCTIONS LIMITED 2012

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Ich verstehe ehrlich gesagt jeden, für den das Konzept von God Help the Girl nicht aufgeht. Hier wird keine neue, ja noch nicht einmal eine besonders originelle Geschichte erzählt. Das Drehbuch weist keine sonderliche Tiefe auf, die Handlung ist nach den ersten zehn Minuten in ihren Grundzügen vorhersehbar und die extreme Überstilisierung muss man eben mögen. Vielleicht nimmt der ein oder andere dem Film auch übel, dass er das Thema der Essstörung allzu sehr am Rande behandelt. Wir bekommen hier alles andere als ein bedrückendes Drama zu sehen und die wenigen Szenen, in denen Eve mit ihren Dämonen zu kämpfen hat, gehen im übrigen Farbrausch unter. Aber wir sehen hier eben ein Mädchen, das sich anschickt, ihre Krankheit zu besiegen. Die einen ganz besonderen Sommer erlebt, der sie schließlich dazu bringt, das Leben beim Schopfe zu packen. Ihre Essstörung rückt dabei immer weiter in den Hintergrund. Emily Browning spielt dieses Mädchen übrigens ganz ausgezeichnet und gibt ihr trotz ihres jungen Alters eine bestimmte Weisheit mit. Und nicht zuletzt muss man God Help the Girl auch einfach in dem Projekt-Komplex von Stuart Murdoch betrachten, von dem er nur ein Teil ist. Letztlich habe ich ihnen einfach unglaublich gern zugesehen, diesen drei spleenigen Figuren in ihrer leicht abgedrehten, bonbonfarbenen und melodiösen Welt.

God Help the Girl auf der offiziellen Berlinale-Website

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