BERLINALE GENERATION: ATLÁNTIDA

Ok, bei aller Liebe: Generation-Film haben einen großen, großen Nachteil. Zumal, wenn sie am Nachmittag laufen. Teenager. Überall. Laut, respektlos, permanent am Kommentieren, da erwacht glatt mal wieder der Menschenhasser in mir. Als ich dieses Übel dann mal mühsam so halbwegs ausblenden konnte, gab es aber auch einen Film aus meinem Lieblingsland Argentinien zu sehen: Atlántida.

© Berlinale

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Es herrscht drückende Hitze und Dürre im kleinstädtischen Süden von Córdoba. Lucías Eltern sind ein paar Tage unterwegs, und so verbringt sie (Melissa Romero) die Tage im Haus mit ihrer Schwester Elena (Florencia Decall), deren Laune wegen ihres eingegipsten Beines unter dem Nullpunkt liegt. Ab und zu kommen ein paar Freundinnen vorbei oder ein paar Stunden des Tages kann Lucía im Freibad totschlagen. Den Rest der Zeit verbringt das Mädchen damit, für Abschlussprüfungen zu lernen oder Eis für Elena zu besorgen. Das Leben dümpelt so vor sich hin und die Teenager sind sich selbst überlassen.

Und zwar vollkommen: bis auf ein Telefonat mit Lucías Mutter und einen fahrenden Dorfarzt (Guillermo Pfening), mit dem Elena später eine Art reduzierten Roadtrip unternimmt, sind alle Erwachsenen aus dem Städtchen verschwunden, im Film nicht präsent. Insofern ähnelt der Ort am ehesten der verwunschenen Stadt Atlantis, die für dieses Coming of Age-Drama Namenspatin steht. Die Regisseurin Inés María Barrionuevo interessiert sich jedoch wesentlich mehr für ihre Figuren als für die unter der Trockenheit ächzenden Umgebung. Ganz nah bleibt sie stets an ihren Figuren und komponiert bestimmt neunzig Prozent ihrer Bilder als Nahaufnahmen. Sie schafft es immer wieder, die Situation der Teenager auf subtile Art und Weise in einen größeren Gesamtkontext einzubetten, wenn sie beispielsweise Meldungen über die desolate Finanzlage Argentiniens im Hintergrund in den Radionachrichten hören lässt.

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Tatsächlich befinden sich auch die Mädchen allesamt ebenfalls in einer unzufriedenen Krisensituation. Lucía möchte zum Studium nach Buenos Aires, um nicht mehr in dem kleinen Örtchen inmitten desillusionierter Menschen festzusitzen, in dem das einzige Highlight das alljährliche Honigfest ist. Elena würde am liebsten Maricruz heißen, wie die Hauptfigur aus einer Telenovela, weil das ihrer Meinung nach nicht so altmodisch klingt wie ihr eigener Name. Und dann gibt es da noch diese anderen Kinder, zu denen der Film nach der Hälfte der Laufzeit plötzlich unvermittelt springt. Ein Junge arbeitet auf dem Landbesitz reicher Leute als Imker und hat seine zwei kleinen Geschwister im Schlepptau, die nicht einmal von den Walnüssen naschen dürfen, die auf dem Grundbesitz zuhauf wachsen. Währenddessen bringt Lucía ihrer besten Freundin Ana (Sol Zavala), die sich von den Jugendlichen des Städtchens ausgeschlossen fühlt,  in einer abgelegenen Gegend das Autofahren bei. Zwischen diesen Parallelhandlungen springt Atlántida in der zweiten Hälfte immer wieder hin und her und lässt sie sich nur in winzigen Momenten kurz streifen.

© Berlinale

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Atlántida ist ein kurzer Film. Er bringt es nur auf 78 Minuten, und das tut ihm ausgesprochen gut. Die kurze Laufzeit kommt hauptsächlich deshalb zustande, weil Inés María Barrionuevo auf lange Erklärungen verzichtet. Die Mädchenfiguren werden uns nicht lange vorgestellt, und dass der Mann, mit dem Elena unterwegs ist, sich als ihr Arzt herausstellt, erschließt sich uns auch erst nach einer Weile. Im Rückblick machen all diese Entscheidungen Atlántida zu einem gelungenen, subtilen und zartfühlenden Werk. Im Moment des Schauens stellte sich allerdings, so ungern ich das eigentlich sage, streckenweise trotz der kurzen Laufzeit so etwas wie Langeweile ein. Vielleicht, weil trotz der nahen Kamera letztlich doch das Identifikationspotential zu den Figuren fehlte. Vielleicht unterschätze ich aber auch die Regisseurin. Schließlich passt das Gefühl von unendlicher Ausdehnung der Zeit ja auch zur Situation der Mädchen, die in dem Film unter der Hitze und ihrer gefühlten Ohnmacht ächzen. Im Rückblick jedenfalls, so viel kann ich mit Sicherheit sagen, hat sich Atlántida gelohnt. Und das nicht nur wegen des Gedankens an Argentinien.

Atlántida auf der offiziellen Berlinale-Website

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Eine Antwort zu “BERLINALE GENERATION: ATLÁNTIDA

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