BERLINALE PANORAMA: CALVARY

Oh man, ich flipp aus, Brendan Gleeson hat genau vier Reihen vor mir gesessen und ich musste ständig wie blöde auf seinen Nacken starren. Normalerweise versuche ich auf Festivals Filme zu sehen, die wohl nicht so bald einen deutschen Kinostart erhalten werden. Die Karten zu Calvary wollte ich aber unbedingt. Der zuvor auf dem Sundance (einem meiner Sehnsuchtsfestivals) gelaufene Film hat mich neugierig gemacht und andernfalls hätte ich noch bis September warten müssen.

© Ascot Elite

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Calvary ist die englische Bezeichnung für Golgatha, den Berg, auf dem der Bibel zufolge Jesus gekreuzigt wurde. Sündenfrei, während neben ihm Verbrecher hingen und andere sogar freigesprochen wurden. Es ist bezeichnend, dass dieser Film den Titel Calvary trägt und lenkt die Interpretation des Werkes natürlich unwahrscheinlich stark in eine ganz bestimmte Richtung. Regisseur John Michael McDonagh (The Guard) lässt uns keine lange Gewöhnungszeit, keinen gemächlichen Einstieg, keine weiten Einstellungen. Der establishing shot ist eine Nahe auf Brendan Gleesons Gesicht. Er spielt den irischen Priester James Lavelle, der an einem Sonntag in seiner kleinen Dorfkirche die Beichte abnimmt. Ein Unbekannter setzt sich neben ihn, doch statt um Vergebung für seine Sünden zu bitten, eröffnet er dem Pater, dass er ihn am Sonntag in einer Woche umbringen wird. Aus Vergeltung, weil er als Kind sexuell von einem Kirchenmann missbraucht wurde. Doch nicht Lavelle hat sich der Sache schuldig gemacht. Das Gegenteil ist der Fall: einen schlechten Priester umzubringen, das sei nichts Überraschendes, verkündet der Unbekannte. Es muss ein guter Priester sein.

© Ascot Elite

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Der sich ankündigende Mörder gibt Pater Lavelle eine Woche Zeit, um seine Angelegenheiten zu regeln – in erster Linie kümmert er sich stattdessen aber um seine Schäfchen. Die vermeintlich guten Katholiken haben alle ihr Kreuz zu tragen: da gibt es Alkohol- und Drogenprobleme, Gewalt gegen Frauen, Affären, Gleichgültigkeit oder Snobismus. Und doch ist es der, wenn auch mit einer andeutungsweise turbulenten Vergangenheit versehene, weitgehend schuldlose Pater, dem es an den steifen Kragen seiner Soutane geht. Nach der ersten Sichtung (und nicht zu vergessen in etwas aufgescheuchtem Zustand wegen Gleesons Anwesenheit) möchte ich sogar behaupten, dass die vielen Nebenfiguren, die sich um den Pater scharen, als die zwölf Apostel verstanden werden könnten. Aber egal, Calvary ist zum Glück weitaus mehr als nur eine Bibelstunde im ir(d)ischen Gewandt (tja, gegen Mitternacht darf so ein mittelmäßiges Wortspiel schon mal sein).

© Ascot Elite

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Der Film ist in die einzelnen Wochentage unterteilt und obwohl Lavelle die meiste Zeit damit verbringt, nur seine Gemeindemitglieder hintereinander weg zu besuchen, erhält der Regisseur ohne Probleme den Spannungsbogen aufrecht. Er zeigt uns geschlachtete Tierkörper in einer Fleischerei oder lässt Figuren immer wieder plötzlich hinter Lavelle im Bild auftauchen, so dass wir nie den Faden verlieren und uns permanent selbst auf der Suche nach dem potentiellen Mörder befinden; versuchen die Figuren zu durchschauen. Mit sphärischen Klängen unterlegte Aufnahmen von Irlands Landschaft, die manchmal schon beinahe an Der Herr der Ringe erinnern, bringen so gar keine beruhigende Idylle ins Spiel. Schroffe Felsen und die wuchtige Kraft des Meeres sorgen vielmehr für ein konstantes Gefühl der Bedrohung.

Bei all dem unterschwelligen Horror vergisst John Michael McDonagh aber auch eine zünftige Prise schwarzen Humors nicht, spickt den Dialog mit Selbstreferenzialität und holt einmal mehr das Beste aus dem ohnehin genialen Brendan Gleeson heraus. Allein was in desse ausdrucksstarkem Gesicht passiert, ist die Kinokarte schon wert. Und natürlich kommt auch der Schuldkomplex der Kirche nicht zu kurz, die mit ihrer langjährigen Ignoranz gegenüber Missbrauchsopfern wahrlich genügend Existenzen zerstörte. Pater Lavelle ist das allerbeste Beispiel dafür, dass ein Priester letztlich auch nur ein Mensch ist. Ob in einem geweihten Amt oder nicht, ob sich ein Sündenbock opfert oder nicht – die Laster der Schäfchen bleiben weiter bestehen.

Calvary auf der offiziellen Berlinale-Website

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2 Antworten zu “BERLINALE PANORAMA: CALVARY

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