BERLINALE GENERATION: MAVI DALGA

Eigentlich wollte ich mir heute Nachmittag den chinesischen Generation-Film Einstein and Einstein anschauen. Aber wie das so ist, wenn man Online Karten für den einen Film hinterherjagt – dann sind die Karten für den anderen weg. Also wurde Mavi Dalga mein Ausweichfilm, oder The Blue Wave, wie er auf Englisch heißt.

Mavi Dalga von Zeynep Dadak und Merve Kayan ist mal wieder – wie sollte es in der Sektion Generation auch großartig anders sein – eine Coming-of-Age-Geschichte. Und trotzdem unterscheidet sie sich von anderen Filmen dieses Genres. Denn die Protagonistin, eine hübsche, großgewachsene Jugendliche namens Deniz (Ayris Alptekin) ist im Grunde ein ganz normales Mädchen. Keine Außenseiterin, keine abgehobene Träumerin oder ein unerziehbarer Problemfall. Nichtsdestotrotz macht sie sich so ihre Gedanken. Eine Entscheidung für die Zeit nach der Schule steht an, und während ihre Freundinnen am liebsten in Istanbul Wirtschaft studieren wollen, zieht es sie eher zum Philosophiestudium nach Ankara. Etwas Besonderes soll es sein, und möglichst weit weg von zuhause, einer türkischen Kleinstadt, in der im Winter manchmal tagelang Strom und Wasser ausfallen und in der sie immer wieder im Streit mit ihrer Mutter liegt. Vorerst träumt sich Deniz aber lieber an die Seite ihres hübschen Lehrers Firat (Onur Saylak) oder verbringt die Tage mit ihren Freundinnen Esra (Albina Ozden), Gul (Nazli Bulum) und Perin (Begüm Akkaya) am Strand.

© Berlinale

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Es ist angenehm, auf der Berlinale einmal einen türkischen Film zu sehen, der nicht in einem kleinen Bergdorf inmitten konservativer Einwohner spielt. Meist sind es dann doch eher Filme vom Kaliber Bal – Honig (übrigens sehr empfehlenswert) oder in diesem Jahr Kuzu (The Lamb), die uns die Türkei beschert. Hier gibt es aber keine Bergpanoramen, geschlachtete Ziegen und minutenlange statische Einstellungen. Vielmehr orientiert sich die Kamera stilmäßig an US-amerikanischen Independent-Produktionen und lässt die Kamera permanent ihrer Protagonistin hinterherwackeln. Manchmal ist das ein bisschen zu viel des Guten, andererseits passt es aber auch zur ruhelosen Situation von Deniz. Diesen permanent etwas aufgescheuchten und hysterischen Zustand von Teenagern vermag Mavi Dalga immer wieder gut einzufangen. Als Deniz bei einer feierlichen Parade zum 01. Mai ihre kleine Schwester Defne (Sude Aslantas) in der Menge verliert, treiben uns ein unscharfer Fokus und ein tieffrequentes Brummen auf der Toneben mitsamt der Figur in den Wahnsinn und die permanenten Stromausfälle in der türkischen Kleinstadt lassen uns nur allzu gut nachfühlen, wieso Deniz sich hier in mehrfacher Hinsicht eingeschränkt fühlt.

© Berlinale

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Manchmal schießt Mavi Dalga dann aber doch ein bisschen über das Ziel hinaus. Wenn Deniz ohne erfindlichen Grund mit ihrer Mutter streitet oder mit ihren Freundinnen immer wieder galoppierend die Themen wechselt, dann kommt das dem tatsächlichen Verhalten des durchschnittlichen Teenagers vielleicht durchaus nahe. Für den Zuschauer ist es allerdings nicht unbedingt komfortabel, immer wieder über Logik-Lücken im Drehbuch hinwegsehen zu müssen, zumal diese oft auch das Verhalten von Figuren betreffen, die den übelsten Phasen der Pubertät längst entwachsen sind.

Die Hauptdarstellerin Ayris Alptekin kann mit ihrem Part überzeugen und Sude Aslantas in der Rolle der kleinen Schwester sorgt für eine Extraportion Charme – und doch verliert sich Mavi Dalga letztlich zu sehr in Beliebigkeit. Zu viele Themen werden von den Regisseurinnen angeschnitten – die Schwäche für den Lehrer, ein ebenfalls interessierter Mitschüler von Deniz, unsichere Zukunftspläne und einige andere Teenagerkatastrophen – die dann aber nicht konsequent weiterverfolgt werden und sich so nur gegenseitig überlagern. Der Film ist wie der riesige Vogelschwarm, der an einer Stelle aus dem Fenster in Deniz Wohnung zu sehen ist: schön anzusehen, auch mal aufregend und mit viel Potential für interessante Geschichten: wo kommen die Vögel her, wo gehen sie hin? Wir kommen ihnen nur einfach nicht näher. Sie bleiben schwarze, sich bewegende Pünktchen in der Ferne. Seltsam vertraut und doch fremd.

Mavi Dalga auf der offiziellen Berlinale-Website

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