BERLINALE GENERATION: 52 TUESDAYS

Nachdem ich heute endlich meinen richtigen Berlinale-Einstieg mit dem Stummfilm-Klassiker Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen von Friedrich Wilhelm Murnau in der Retrospektive und mit wunderschöner Live-Klavierbegleitung im Zeughauskino begehen konnte, habe ich am Abend die erste zeitgenössische Produktion gesehen. 52 Tuesdays aus der Sektion Generation, die ich in den letzten Jahren immer sträflich vernachlässigte. Und ich muss sagen, es war ein ziemlich gelungener Einstieg.

© Bryan Mason

© Bryan Mason

An 52 Tuesdays sind zuerst einmal wohl die Produktionsbedingungen spannend, die als erste Idee des Films fest standen und dem Titel wortwörtlich gerecht werden. Die Produzenten dachten sich: drehen wir doch mal einen Film über zwei Menschen, die sich ein Jahr lang an jedem Dienstag treffen. Und drehen wir das Ganze auch tatsächlich über ein Jahr hinweg, ausschließlich dienstags. Aus dieser Grundidee entstand die Geschichte von Billie (Tilda Cobham-Hervey), einer Jugendlichen aus Südaustralien. Sie wohnt nicht bei ihrer Mutter (Del Herbert-Jane), denn diese unterzieht sich gerade einer Hormontherapie, um zum Mann zu werden. Fortan nennt sie sich James und will ihre Tochter nicht mehr permanent um sich haben. Deswegen treffen sich die beiden nur jede Woche am Dienstag zur gleichen Zeit. Billie gibt die verständnisvolle, reife und erwachsene Tochter, im Inneren hat sie jedoch mehr an der Situation zu knabbern als alle Beteiligten wahrhaben möchten. In Josh (Sam Althuizen) und Jasmine (Imogen Archer) findet sie neue Freunde, bei denen sie für einen Moment alle Probleme ausblenden kann – dafür entstehen wie zu erwarten bald ein paar Neue.

© Bryan Mason

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Wenn wir noch klein sind, dann sind unsere Eltern für uns… nun ja, Eltern. Nahezu übermenschlich, Felsen in der Brandung und eben ausschließlich Eltern. Jeder kann sich wahrscheinlich an diesen schockierenden Moment erinnern, in dem er bemerkte, dass seine Eltern auch Individuen sind. Das sie fehlbar sind und Wünsche und Geheimnisse haben. Manchmal weinen und nicht weiterwissen. Dass sie verletzlich sind und auch nicht immer so moralisch integer, wie sie es in der Regel versuchen ihren Kindern vorzuleben. 52 Tuesdays erinnert an dieses Gefühl. Es ist erstaunlich, wie es gelingen konnte, nur einmal in der Woche mit Laiendarstellern zu drehen und trotzdem so derartig nah an den Figuren zu sein. Drehbuch, Spiel, die mise-en-scène, die ausschließlich diegetische Musik, all das bleibt unglaublich authentisch und muss das auch sein, um ein Gegengewicht zur Konstruiertheit der Geschichte zu bilden. Während der meisten Zeit ist das kein Problem, gegen Ende des Films schleicht sich dann aber doch manchmal das Gefühl ein, dass 52 Tuesdays lieber hätte 15 Minuten früher enden sollen und man einige Handlungsschleifen nur noch eingebaut hat, um auch wirklich auf zweiundfünfzig Dienstage zu kommen.

© Bryan Mason

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Wir nähern uns der Geschichte von Billie auf zwei Zeitebenen. In der filmischen Gegenwart dreht sie, so scheint es, eine Art Videotagebuch, so wie es tausendfach von Teenagern auf Youtube zu sehen ist. Die eigentliche Handlung des Films liegt in der Vergangenheit. Es sind Visualisierungen dessen, was Billie in die Kamera spricht. Dabei bildet jeder einzelne Dienstag ein Kapitel, so kurz es auch sein mag, das jeweils mit einem sekundenlangen Einschub eines Ereignisses des Datums eingeleitet wird. Da sehen wir beispielsweise die Costa Concordia schräg im Wasser liegen und Julian Assange ein Interview geben – und prompt stellt sich auch bei uns das Gefühl ein, hier sei tatsächlich ein ganzes Jahr vergangen.

Währenddessen entwickelt sich 52 Tuesdays von einer komödiantisch angelegten Coming of Age-Story immer mehr zu einem Drama, in dem sich Billie fortwährend verändert. Plötzlich trägt sie die Haare kurz und mit den sexuell sehr freizügigen Josh und Jasmine verschanzt sie sich ebenfalls einmal in der Woche in einem geheimen Raum. Hier filmt sie die beiden beim Sex und lässt sich mit jedem Mal mehr hinter der Kamera hervorlocken, lässt sich involvieren, agiert selbstständig. Der weiße, beinahe ganz leere, steril anmutende Raum ist wie ein Vakuum – frei von gesellschaftlichen, politischen, bürgerlichen Vorstellungen, Idealen und Konventionen. Hier kann Billie experimentieren, körperlich und auch mit den Gedanken und Wünschen in ihrem Kopf. Die Entwicklung, die die bislang filmisch unerfahrene Tilda Cobham-Hervey dabei darstellt, ist erstaunlich. Und so ist 52 Tuesdays trotz gegen Ende sacht abfallenden Spannungsbogens ein durchweg sehenswerter Film. Und ein gelungener Einstieg in meine Berlinale 2014.

An dieser Stelle sei noch auf die kostenfreie Smartphone-App zum Film hingewiesen, in der jeder ein Jahr lang selbst seine Dienstage mit einem Foto und einer zu beantwortenden Frage dokumentieren kann: My 52 Tuesdays.

52 Tuesdays auf der offiziellen Berlinale-Website

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6 Antworten zu “BERLINALE GENERATION: 52 TUESDAYS

    • Oje, hab ich mich so undeutlich ausgedrückt? Naja, ich schreibe Kritiken sonst in der Regel nicht nach Mitternacht. 🙂 Auf jeden Fall aber ein sehr empfehlenswerter Film. Und das Konzept der App dürfte auch für Leute funktionieren, die „52 Tuesdays“ nicht gesehen haben.

      • Nein, so war das nicht gemeint. Das liegt wohl eher am Film selbst, nicht an deinem Schreibstil. Den finde ich sehr gut!
        Hat mich auch neugierig gemacht. Die App scheint aber nur fürs I-Phone zu sein oder?

      • Aaachso, dann gehts ja. 🙂 Also, irgendwo auf der Website zum Film hab ich gelesen, dass es die App für iOs sowohl als auch für Android gibt. Aber da ich selbst nur ein iPhone hab, kann ich da nicht aus eigener Erfahrung sprechen.

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