SARAH POLLEY: STORIES WE TELL

Um Geschichten zu finden, braucht es meist gar keine groß angelegte Suche, erklärt Sarahs Vater an einer Stelle im Film. Viel öfter stecken reichlich gute Geschichten in der nächsten Umgebung. In einem selbst, in der eigenen Familie. Das kennt wahrscheinlich jeder von uns. In der eigenen Familiengeschichte schlummern Geheimnisse, verschwiegene Skandale und Befindlichkeiten über die eigentlich nie jemand redet – um des lieben Friedens Willen. Die besten Geschichten schreibe das Leben, so lautet nicht umsonst ein Sprichwort. Was passiert aber, wenn jemand sich dieser Geschichten annimmt? Sie ausgräbt und hebt wie einen geheimnisvollen, düsteren Schatz? Wenn schmerzliche Erinnerungen und Tatsachen plötzlich zur Konfrontation rufen und die lange verschwiegenen Geschichten sogar öffentlich werden?

© Fugu Filmverleih Berlin

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Stories We Tell wagt dieses Experiment. Die junge und unwahrscheinlich talentierte Regisseurin Sarah Polley (Take this Waltz) rollt in ihrem ersten Dokumentarfilm ihre Familiengeschichte auf. Sie befragt Verwandte und Freunde, erforscht die Vergangenheit ihrer früh an Krebs verstorbenen Mutter und geht dem lange in ihrer Familie verwurzelten Gerücht nach, sie sei wahrscheinlich die biologische Tochter eines fremden Mannes.

All das sind Tatsachen, die schon im intimen Rahmen einer weitgehend funktionierenden Familie schwer zu verkraften sind. Die Familie Polley steht in Stories We Tell aber im Licht der Öffentlichkeit – und ehrlich gesagt könnte ich mir kaum eine Ansammlung von Menschen vorstellen, die dabei trotz aller dunklen Geheimnisse eine solch angenehme Ausstrahlung hat. Die Handvoll Kanadier sind genauso eine Familie, wie man sie sich idealerweise wünscht. Der gealterte Vater, diverse erwachsene Kinder, sie alle erscheinen gebildet, vielseitig begabt, offen, tolerant, freundlich, alles andere als snobistisch.

© Fugu Filmverleih Berlin

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Wir Zuschauer werden an die Polleys herangeführt, als würden wir sie ganz real kennenlernen. Stories We Tell ist um die Schauspielerin Diane Elizabeth herum aufgebaut, Sarahs Mutter und ehemaligen Mittelpunkt der ganzen Familie. Mit ihrer fröhlichen und lebensbejahenden Art hatte sie alle Menschen um sich herum vereinnahmt – und dieses positive, jedoch oberflächliche Bild ist es, das wir zunächst zu sehen bekommen. Eine junge Frau tanzt auf Partys, spielt ausgelassen mit ihren Kindern, steht souverän auf der Theaterbühne. Doch mit der Zeit dringen wir immer weiter in die Geheimnisse, in die tieferliegenden Schichten dieser faszinierenden Familie ein.

© Fugu Filmverleih Berlin

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Eine durchaus heikle Angelegenheit, könnte man meinen, denn es schwingt beim Zuschauer ja gern mal etwas Sensationsgier und Voyeurismus mit, wenn er in heimliche Skandale und Privatsachen eingeweiht wird. Sarah Polley umgeht diese Gefahr, indem sie nicht nur ihre Familienchronik, sondern gewissermaßen auch den Entstehungsprozess ihres Filmes mit dokumentiert. Wir sehen sie und das Team hinter den Kameras, ihren Vater im Tonstudio während der Aufnahmen für den Off-Kommentar. Sie lässt Familienmitglieder und Menschen zu Wort kommen, die teils konträre Meinungen vertreten, gewichtet ihre Beiträge fair und fragt die Interviewten vor der Kamera sogar unverblümt, was sie von der Idee eines solchen Dokumentarfilms halten. Sarah Polley enthüllt in Stories We Tell freigiebig die Konstruktion ihres Werkes, sie nimmt quasi alle möglichen Kritikpunkte selbst vorweg und schafft damit einen Film, der sich nicht nur mit einer Familie und Fragen der Abstammung, Herkunft und Zugehörigkeit auseinandersetzt, sondern auch mit der Frage, wie wir Menschen Geschichten erzählen. Ob es überhaupt so etwas wie eine tatsächliche Wahrheit gibt und auf welche Weise man sich ihr am besten annähern kann.

Stories We Tell startet am 27. März 2014 in den deutschen Kinos. Und ich habe jetzt glatt Lust, alte Familienalben durchzublättern. Auf der Suche nach einer eigenen erzählenswerten Geschichte. Die gibt es ganz sicher.

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4 Antworten zu “SARAH POLLEY: STORIES WE TELL

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