J.C. CHANDOR: ALL IS LOST

In seinem erst zweiten Spielfilm All is Lost ist Regisseur J.C. Chandor ein wahrer Meister des Reduzierens. Das fängt schon damit an, dass seine Haupt- und überhaupt einzige Figur zu Beginn keinerlei Karenzzeit erhält. Robert Redford befindet sich weit draußen auf dem offenen Ozean, als sein Segelschiff plötzlich einen Container rammt. Was für eine Ironie des Schicksals: weit und breit kein Lebenszeichen, kein zweites Schiff, nicht mal ein Fisch oder ein Wölkchen am Himmel. Es herrscht fast vollkommene Leere – und dann muss das Boot ausgerechnet in diesen verdammten Container krachen. Es schlägt leck und schnell dringt Wasser in die Kajüte. Zum Glück ist Redfords Figur ein erfahrener Seemann und flickt mit scheinbar unerschütterlicher Ruhe das Loch im Schiffsrumpf. Der bald herandräuende Sturm wird ihm trotzdem zum Verhängnis.

© Universum

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Filme mit einem derartigen Plot zu sehen, ist immer ein wenig tückisch, denn bei einem Schiffbrüchigen wissen wir von Anfang an Eines ohne Zweifel. Selbst wenn der Film offen endet, bleiben der Figur nur zwei Möglichkeiten: eine irgendwie geartete Rettung oder der Tod. Das kann es durchaus schwierig machen, sich für die Sichtung eines solchen Streifens zu entscheiden, dran zu bleiben oder sich letztlich zum tatsächlichen Ende zu positionieren. Die Grenze zwischen überdramatisierendem Erlösungskitsch und absoluter Hoffnungslosigkeit verläuft schließlich recht fließend. Im Fall von All is Lost ist tatsächlich nicht mit allzu viel Spaß zu rechnen, was ich aber gar nicht negativ meine.

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Während beispielsweise der Schiffbruchsfilm Life of Pi permanent mit den Konventionen der Fantasy spielt und uns ein visuelles Spektakel nach dem anderen liefert, verpflichtet sich J.C. Chandor einem unerbittlichen Realismus. Seine Geschichte verläuft linear: die Situation des Seglers verschlechtert sich zusehends. Sengende Hitze und Wassermangel, der Verlust seines Bootes und die zur Neige gehenden Vorräte, Stürme, aber auch schlicht sein vorangeschrittenes Alter setzen ihm immer mehr zu. Ähnlich unerbittlich geht der Regisseur aber auch im Einsatz seiner Stilmittel vor. Wie oft hat man schon einen zeitgenössischen Film gesehen, der mit ausschließlich einer Figur auskommt und diese nicht einmal ausschweifende Monologe führen lässt? Chandor erzählt von seinem Segler einzig und allein in Bildern, zeigt seine anfängliche Ruhe und die fortschreitende Verzweiflung, lässt uns die praktische Ausstattung seines Bootes und seinen Pragmatismus im Umgang mit der Katastrophe zu einem Bild von dem Mann formen, das keiner weiteren Psychologisierung bedarf.

© Universum

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Während die Bilder in All is Lost allerdings eine Distanz zum Protagonisten aufbauen, kommen sie dem Publikum immer und immer näher. Chandor benutzt keine ordinäre Wackelkamera, die Kamera steht eben auf einem Segelboot in der sturmgepeitschten See. Ergo gibt es ganz logisch begründet kaum einen festen Orientierungspunkt, und so überträgt sich auf uns als Zuschauer nur allzu schnell ein körperlich erfahrbares Gefühl von drohender Seekrankheit. Als das Boot schließlich in seinen letzten Zügen liegt, ächzen und knarren das Holz und das Blech wie ein großes, wundes Tier und lassen uns regelrecht hoffen, dass der Todeskampf bald sein Ende findet. Dafür braucht es weder dramatische Musik, noch eine herzergreifende Hintergrundgeschichte um den Segler und sein Schiff. Es reicht der urgewaltige Kampf des Menschen gegen die Natur.

Von all der sich entfaltenden Wucht waren meine Kollegin filmosophie und ich am Ende völlig überrumpelt. Und doch in einem Punkt einig: All is Lost ist unbedingt sehenswert. Gerade weil er uns mit seinen reduzierten Mitteln eine solch intensive Kraft entgegenwuchtet. Ihre Kritik könnt ihr im Übrigen auf filmosophie.com nachlesen.

All is Lost von J.C. Chandor startet am 09. Januar 2014 in den deutschen Kinos.

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3 Antworten zu “J.C. CHANDOR: ALL IS LOST

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