8 AUGEN FÜR EIN HALLELUJA: WIE EIN WILDER STIER

Gar nicht so einfach, vor Weihnachten die täglichen Routinen von vier Menschen so aufeinander abzustimmen, dass dabei ein Abend herauskommt, an dem alle wie zufällig auf dem selben Sofa landen und den selben Film auf dem selben Bildschirm schauen. So richtig hat es diesmal einfach nicht klappen wollen, und so hat es nicht nur ein Weile gedauert, bis unsere 8 Augen für ein Halleluja wieder tagen konnten, es sind diesmal auch leider nur 6 Augen. Tobi hat gekniffen und ist beim nächsten Mal hoffentlich wieder mit dabei.

Diesmal: Wie ein wilder Stier von Martin Scorsese

© 20th Century Fox

© 20th Century Fox

Wieso wir den Film ausgewählt haben:

Zum einen handelte es sich bei Wie ein wilder Stier wohl um eine der berüchtigten Lücken, die wir schon beim letzten Mal mit der Sichtung von PTAs Magnolia zu bekämpfen versuchten. Es wurde einfach mal Zeit. Zum anderen kommt bald Martin Scorseses jüngstes Werk in die Kinos: The Wolf of Wall Street. Spannend, die Werke ein und des selben Regisseurs zu vergleichen, die zu so unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Werfen wir also einen Blick auf Wie ein wilder Stier.

© 20th Century Fox

© 20th Century Fox

Unsere Wertungen:

Chris: Endlich kann man als Mann mal wieder sehen, wie die Welt aussah, als sie noch funktionierte, vor gut 50 Jahren. Der Mann ist wie ein wilder Stier, die Frau bügelt das rote Tuch dazu und dennoch alles irgendwie schwarz, weiß und grau. Die Geschichte vom Boxer Jake LaMotta, der körperlich wesentlich mehr einstecken kann als emotional, wird herausragend von Robert De Niro gespielt. An dieser Stelle ziehe ich auch nochmal den Zylinder, den ich tragen würde, wäre diese Kritik in der Zeit des Films entstanden, vor der körperlichen Tortur des Stählerns der Muskeln und dem anschließenden Einschmelzen zu Fett. Auch faszinierend ist, dass Robert De Niro in etwa den gesamten Film über dieselbe Mimik hat und dennoch wirkt er überzeugend. Trockene Sprüche und schweißnasse Kämpfe geben scheinbar ein recht rundes Bild für ein Boxdrama. Wirkten einige Kampfszenen auch etwas satirisch ob ihrer Inszenierung, so war die große Kampfszene gegen den üblichen Rivalen beeindruckend inszeniert mit Zigarrenrauch über dem Publikum, der nur die gleißenden Lichter, die ebenfalls gespannt auf den Ring guckten, durchließ. Das Bild bleibt. Ansonsten war es ein ruhig erzählter Einblick in das schmutzige Sport-Geschäft einer schmutzigen Stadt, der in schwarz-weiß sehr gut funktionierte, jedoch auch seine Längen hatte. Der aktuellere The Fighter hat ein ähnliches Sujet noch etwas näher auf die Leinwand projiziert. Nach 10 Kritikrunden jedoch nur eine Frage des Ringrichter, kein technischer KO. Dieser Film steht mit beiden Beinen sicher im Filmring.“
7 von 10 Schlägen in die Magengrube

Katrin: „Wie ein wilder Stier wollte ich hauptsächlich deswegen sehen, weil er in meiner Scorsese-Liste bislang fehlte und ich die mehrfach in Seminaren vorgeführte Einstiegsszene so beeindruckend fand. Boxen ist der Sport, mit dem ich so ziemlich am allerwenigsten anfangen kann und das wird sich auch durch einen schön gefilmten Schwarzweißfilm nicht ändern. Robert De Niro habe ich aber trotzdem sehr begeistert dabei zugesehen, wie er den mehr und mehr abgehalfterten Jake LaMotta darstellt. Seine Leistung ist beeindruckend – und doch ist letztlich besonders die Inszenierung der zeitlichen Verlaufs bei mir hängen geblieben. Der Boxchampion hat seine besten Jahre in den Vierzigern, und viele Szenen, die in dieser Phase spielen, sehen aus wie direkt dem Noir-Zeitalter entsprungen. Starke Kontraste zwischen Licht und Schatten, die so gar nicht mehr zu den späteren Sequenzen in den 1960er Jahren passen, in denen Graustufen dominieren wie in einem Drama aus dem goldenen Zeitalter des italienischen Kinos. Martin Scorsese ist ein echter visueller Künstler.“
8,5 von 10 Schlägen in die Magengrube

Kitty: „Zuerst fragt man sich, warum man diesen Schwarzweißfilm seinen Augen antut. Komische Point- of-View-Boxperspektive und fingererhobene Veranschaulichungen darüber, wie man Frauen zu behandeln hat, versetzen einem den Seitenhieb, selbst Boxhandschuhe gegen den Fernseher schwingen zu wollen. Doch dann merkt man, dass das Oberflächengekratze doch auf einen Kern vorstößt: das tragische Scheitern der Traurigkeit in Person. Brutaler als vermutlich alle Schläge, die LaMotta einstecken musste, offenbart sich eine schockierend aggressive Geschichte einer verzweifelten Persönlichkeit, auf die am Ende nur das nackte Ende selbst wartet. Und dann auf der Suche nach seiner Allgemeinbildung ergoogelt man, dass der Boxer Jake LaMotta tatsächlich lebt. Nicht schlecht, dieser Schlag in den Kopf, der einen am Schluss die Fragen runterschlucken lässt.“
7,8 von 10 Schlägen in die Magengrube

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3 Antworten zu “8 AUGEN FÜR EIN HALLELUJA: WIE EIN WILDER STIER

  1. Oh, hätteste was gesagt. Der Film gammelt schon seit Jahren auf dem „muss ich später noch mal ansehen“ Stapel, weil er mich bei der Erstsichtung doch eher enttäuscht hat. Und das gar nicht mal des Themas wegen, denn ich liebe z.B. die Rocky-Serie und durfte als frisch pubertierender nur nicht in den Sport einsteigen, weil meine Mutter Angst um mein Gesicht hatte, was ironischerweise den Effekt hatte, daß mir angeheitert zwei Jahre in Folge die erforderlichen Instinkte fehlten, um die aus dem Nichts fliegenden Fäuste zu bemerken, die mir das Nasenbein anbrachen.
    Euren Worten nach zu urteilen war ich vielleicht seiner Zeit noch gar nicht offen für die aufgezählten Stärken des Films und sollte umso mehr daran geben, mein Urteil noch einmal aufzufrischen. Den ebenfalls angesprochenen The Fighter fand ich gerade im noch nicht verblassten Schatten des Wrestlers nicht ganz so erbaulich, erhoffe mir aber vom Wilden Stier dann doch eigentümlicheres Charisma.

  2. Pingback: 8 AUGEN FÜR EIN HALLELUJA: SEARCHING FOR SUGAR MAN | l'âge d'or·

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