INTERGALAKTISCHES FILMSTÖCKCHEN

Zum Glück habe ich nur Angst vor Bällen und nicht auch noch vor Stöckchen, die hinterhältig geflogen kommen und einen direkt in den Solarplexus treffen. Der liebe Weltraumaffe von Intergalaktische Filmreisen hat geworfen und ich habe gefangen (wow, ich kann eigentlich gar nicht fangen). Das Ganze funktioniert so: man beantwortet die zehn gestellten Fragen und denkt sich zehn Neue aus, die man an die nächsten fünf Blogger weiterreicht. Aufgemerkt, ERGOthek, dafür.org, filmosophie.com, Kinderfilmblog und Gurkknauer’s Kulturblog.

Das hier sind meine Filmantworten:

01. Was ist deiner Ansicht nach die heute meistunterschätzte Position in einem Filmstab, und warum?
Innerhalb der Filmblogger-, Wissenschaftler- und Cineastenblase trifft das zwar überhaupt nicht zu, außerhalb davon kommen meines Erachtens aber die Regisseure immer wieder zu kurz. Ich werde manchmal von Bekannten oder Verwandten nach Filmtipps gefragt und antworte dann: „Film XY ist toll, der ist vom Regisseur von YZ.“ Und auf den Stirnen stehen dann große Fragezeichen, denn über die Namen Spielberg, Lucas und Cameron gehen die Kenntnisse meist nicht hinaus. Und das – mit Verlaub – halte ich für schändlich.

02. Welchen Stellenwert haben für dich Sounddesign, Photographie, Spezialeffekte, Stunts, Kulissen, Kostüme, Maske bei der Wahrnehmung eines Films?
Das ist nun natürlich eine ganz schöne Hammerfrage voller verschiedener Aspekte. Da ich aber ein sehr visueller Mensch bin, der Ästhetik nicht nur liebt sondern auch braucht und sehr von der Fotografie beeinflusst ist, lege ich auch ganz besonderen Wert auf die eingefangenen Bilder, die Ausstattung und das Kostüm. Gerade bei Letzterem finde ich wiederum die Verbindung zum Gesellschaftsphänomen Mode extrem interessant, weshalb auch meine Bachelorarbeit sich mit dem Thema auseinandersetzte.

03. Was macht das Können eines Schauspielers oder ein gezieltes Casting wichtiger für die Darstellung einer Rolle?
Für den allerwichtigsten Aspekt an einem Film halte ich den Schauspieler nicht unbedingt, aber da er nunmal derjenige ist, den ich die ganze Zeit über auf der Leinwand sehe, muss er auch irgendwie passen. Schwierig wird es zum Beispiel bei Literaturadaptionen, bei denen ich mir die Hauptfigur im Vorfeld ganz anders vorgestellt habe als den letztlich gecasteten Darsteller. Ein wirklicher Experte in Sachen schauspielerischer Kompetenz bin ich allerdings nicht, und so geht meine Beurteilung in diesem Punkt meist eher nach Gefühl.

04. Wie abhängig ist ein Film von Handlungselementen und Dialogen?
In manchen Fällen bin ich ja durchaus eine Verfechterin der Prämisse ‚Form über Inhalt‘. Das muss dann allerdings auch einem irgendwie gearteten Konzept folgen und in der Gesamtheit Sinn ergeben. Bei einem Regisseur wie Terrence Malick brauche ich zum Beispiel keine großartige Story, denn seine Werke funktionieren auf einer ganz anderen Ebene. Bei einem konventionell erzählten Film möchte ich aber bitte schon eine nicht sofort durchschaubare Handlung und ein paar halbwegs intelligente Dialoge. Und so ein klischeehaftes Happy End kann mir schon mal ein ganzes Filmerlebnis vermiesen.

05. Unter welchen Bedingungen kann ein Film objektiv sein?
Unter gar keinen, nie nicht. Weder ein Spielfilm, noch ein Dokumentarfilm, avantgardistischer Essayfilm, noch eine Amateuraufnahme oder eine Fotografie kann das. Ein visuelles Werk spiegelt schon allein wegen so banal anmutender Dinge wie des gewählten Bildausschnitts immer die subjektive Perspektive seines Machers wider. 

06. Aus welchen Gründen würdest du dich eher für den Film als zwanghafte Wirklichkeitstreue oder die rauschartige Abstraktion entscheiden?
Siehe meine letzte Antwort. Da es selbst bei dokumentarischen Aufnahmen oder auf wahren Tatsachen basierenden Spielfilmen nie eine Wirklichkeitstreue geben kann, entscheide ich mich auch nicht dafür. Momentan läuft an der FU Berlin ein ziemlich interessantes Seminar zu den beiden Polen im Film: Realismus und Fantastik. Die Grenzen sind fließend und kein zwingendes Qualitätskriterium. Und ich für meinen Teil schaue beide Varianten gern: die abgedrehte Fantasy und die authentisch anmutende Fallstudie. 

07. Wie zeigfreudig darf ein Film unter welchen Umständen für dich in Bezug auf Gewalt und Sexualität sein?
Hier muss ich zwischen meiner theoretischen Überzeugung und meinen praktischen Sehgewohnheiten unterscheiden. Prinzipiell finde ich erstmal, darf Kunst alles zeigen. Sicher bin ich aber auch kritisch, wenn zum Beispiel weibliche Nacktheit nur aus PR-Gründen allzu voyeuristisch ausgestellt wird und ich möchte auch nicht meine Zeit damit verbringen, dabei zuzuschauen, wie sich Menschen gegenseitig brutalstmöglich abschlachten. Nicht nachvollziehbar ist außerdem die Doppelmoral der US-Zensur, die jeden Nippel herausschneiden will aber kein Problem damit hat, Köpfe auf der Leinwand in Zeitlupe explodieren zu lassen.

08. Was muss ein Kinofilm heute leisten, um als radikal wahrgenommen zu werden?
Das ist wahrscheinlich schwieriger als je zuvor, denn in Sachen Darstellung von Sex und Gewalt sind wir ja nun, wie schon angedeutet, ziemlich weit und auch eine exaltierte Form der Montage wird meist eher als postmoderne Verspieltheit wahrgenommen als als Avantgardismus. 

09. Welche Revolution wünscht du dir für das Kino unserer Zeit?
Ich bin ja nicht so der Freund von Revolutionen, sondern setze eher auf bedachte und organische Prozesse. Unser zeitgenössisches Kino hat aber ganz eindeutig mehr eigenständige Frauen nötig, und zwar vor wie hinter der Kamera. Die sind leider noch immer eine seltene Besonderheit. Aber es wird.

10. Was ist dein bisher unerfüllter Wunsch an die Filmkritik?
Ein bisschen weniger Kulturpessimismus. Immerzu all die Klagen über die ach so schwierige Lage der Filmindustrie, in der originelle Ideen keine Chance mehr haben und aller Wahrscheinlichkeit nach der Untergang des Abendlandes kurz bevor steht. Krisen hat das Kino immer wieder durchgemacht und bei all dem Mist, der zugegebenermaßen so läuft, komme ich auch immer wieder aus einem Film und bin absolut hingerissen. So fürchterlich selten ist das nicht. Also bitte ein bisschen mehr Begeisterung und dafür weniger Snobismus, dabei bricht man sich nichts ab.

Und hier kommen meine Filmfragen:

01. Zu welchem Regisseur würdest du am liebsten deine nächste Werkschau veranstalten und wieso?
02. Wie stehst du zu filmischen Referenzen in neuen Produktionen? Spannende Sache oder nervige bis wichtigtuerische Angelegenheit?
03. Bist du im Allgemeinen eher neugierig auf Filme von Newcomern oder interessieren dich die neuen Werke der in die Jahre gekommenen Altmeister à la Woody Allen und Martin Scorsese?
04. Aus welcher Phase der internationalen Filmgeschichte schaust du dir am liebsten Filme an und wieso?
05. Orientierst du dich für deine To-Watch-Liste an den aktuellen Preisverleihungen oder gehen dir Oscars, Independent Spirit Awards, Berlinale und Co. am Allerwertesten vorbei?
06. Liest du neben Filmblogs und Online-Magazinen auch Print-Publikationen regelmäßig?
07. Welchen nostalgisch verklärten Film hast du nach Jahren noch einmal gesehen, nur um dich dabei tierisch darüber zu erschrecken, wie du diesen Mist mal gut finden konntest?
08. Betrachtest du Trailer als eine Art Kunstform, die es regelmäßig zu sichten gilt, oder eher als ein notwendiges PR-Übel, das man sich eben vor dem Hauptfilm antun muss?
09. Wer ist für dich der/die Schauspieler_in des Jahres 2013 und wieso?
10. Auf welchen Film freust du dich im kommenden Jahr am allermeisten und wieso?

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18 Antworten zu “INTERGALAKTISCHES FILMSTÖCKCHEN

  1. Ich habe übrigens den Eindruck, dass der Drehbuchautor einer der unterschätzten Positionen im Film innehat. Regisseur bekommen viele immer noch auf die Reihe, doch der, der die Geschichte – zumindest bei Originaldrehbüchern – erfunden hat. Wer kennt den schon? Zudem wenn es dann noch grandiose Dialoge usw. sind, wie z.B. bei Aaron Sorkin.

    • Da ist auf jeden Fall was dran! Wer kennt schon Namen der Drehbuchautoren? Da habe ich auch ganz viel Lücken. Das mit den Regisseuren ist mir allerdings immer wieder ganz konkret in Gesprächen aufgefallen – wohlgemerkt außerhalb der Cineastenblase – und deswegen musste das einfach unbedingt mal raus. 🙂

      • Ich glaube aber, daß es zu beiden Seiten Extreme gibt, die nicht unbedingt gesund sein müssen. Sicher interessiere ich mich auch für das Werk bestimmter Personen, die sich in mein Herz geschlichen haben, aber genauso muß man sich einräumen, dies kritisch zu hinterfragen und auch unbefangen an andere Werke herangehen.
        Eine gewisse Ignoranz in der Breite mag aber erklären, warum Werbestrategien mit Slogans der Marke „Produziert von der Tochter der Schwester der Frau, die mal mit dem unehelichen Sohn des Schwippschwagers des Kabelträgers von Ben Hur geschlafen hat“ überhaupt funktionieren, weil im Grunde nur der bekannte Titel wahrgenommen wird und das dadurch ungemein wichtig erscheint.

  2. Liebe Katrin … Danke für das Zuwerfen, ich freue mich natürlich, dass du an mich gedacht hast, jedoch traf mich das Stöckchen vor einer Woche schon und ich hatte es da natürlich schon brav beantwortet … allerdings gefallen mir deine Fragen so gut, dass ich mir gerne die Mühe mache sie einfach mal hier als Kommentar zu beantworten. 🙂

    1. Witzig dass du das fragst, denn ich habe gerade vor ein paar Tagen beschlossen, nächstes Jahr eine Coen-Werkschau zu machen.
    2. Ich verstehe die Frage leider nicht ganz … Wie meinst du das genau?
    3. Beides gleichermaßen
    4. Eigentlich alles zwischen 40ern und 90ern … Wenn ich mich genauer festlegen müsste, dann wären es wahrscheinlich die 90er.
    5. Doch doch schon. Ich will dann schon immer die Filme sehen, die so hoch gehandelt werden und selbt beurteieln ob die wirklich was taugen.
    6. Ja wenn ich Zeit finde, lese ich gerne „Ray das Filmmagazin“. Eine Ganz tolle Print-Publikation.
    7. Jüngstes Beispiel … „Weird Science“ von John Hughes … Der ist wirklich großer Mist. Und ich hatte den total witzig und besonders Erinnerung! Ich war ganz schön enttäuscht.
    8. Ich mag Trailer, aber oft ärgere ich mich darüber, weil sie zu viel verraten … das darf nicht sein. Einen Guter Trailer kann man aber durchaus als Kunst bezeichnen.
    8. Joseph Gordon Levitt, wegen seines Regie-Debüts das ich sehr erfrischend fand.
    9. Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

    • Verräterische Trailer, und das funktioniert natürlich besonders schön im Exploitationbereich, funktionieren aber hervorragend als kleine Best Of Kurzfilme, die man in Reihe einfach auf Zusammenkünften laufen lassen kann, um sich mit oder ohne sie zu amüsieren. Das gibt es nur leider heute kaum noch mit den sympathischen Erzählern und dieser ramschigen Atmosphäre, außer man findet halt das Ramschige von heute atmosphärisch. Ich schaue eigentlich sehr gerne Trailer, wenn ich eine DVD schaue, aber oft skippt man das heutige Zeug nur noch weg. 🙂

      • Kleine Best Of Kurzfilme … ist gut! 🙂

        Ich liebe die alten Trailer auch. Hab kürzlich den von „Miracle on 34th Street“ gesehen, wobei sie bei dem versucht haben zu verheimlichen, dass es um Weihnachten geht … Super! Wäre schön wenn man das heute noch manchmal sehen würde.

    • Ach siehst du, wie blöd von mir, daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Aber toll, dass du dir hier trotzdem noch die Mühe gemacht hast, danke!
      Eine Coen-Werkschau ist ganz bestimmt eine spannende Sache. Bisher hat mich noch kein Film der beiden enttäuscht, auf die Verbleibenden bin ich deshalb also ganz besonders gespannt. Und das Ray Filmmagazin habe ich mir mal notiert – danke für den Tipp. 🙂

    • Achso, nochmal zu Frage 2: Filme stecken ja spätestens seit der Postmoderne oft voller Anspielungen auf andere und ältere Filme/Musik/Bücher/wasauchimmer. Das kann man einerseits total genießen, weil es Spaß macht, diese Referenzen zu erkennen. Andererseits kann es manchmal aber auch den Anschein erwecken, der Regisseur wolle mit den ganzen Anspielungen nur seine Intelligenz betonen und sich quasi mit fremden Federn schmücken.

      • Alles klar! Und somit hast du die Frage eh schon für mich beantwortet … 😉 Denn genauso sehe ich das auch. Es muss gekonnt eingesetzt werden, dann kann es sehr gut sein … ansonsten geht es wohl ziemlich nach hinten los. Ich finde Tarantino z.B. in dieser Hinsicht sehr begabt.

      • Es bietet verschiedene Erlebnisebenen, wobei diese „Insider-Codes“ auch immer die Tendenz zu einem Elitedenken innehaben. Das betrübt mich genauso, wie es auch Spaß macht, allein im ganzen Multiplexsaal schallend zu lachen, während um einen herum an Mobiltelefonen gespielt oder der Lokus frequentiert wird. Für Godard-Fan Tarantino ist es dabei die Tendenz zum Essayfilm, während die Tendenz in der Postmoderne ja ansonsten eher zur hippen Ironie geht, was ich zwiespältiger betrachte. Als Filmgeek reagiert man allgemein aber wohl anders auf Filmreferenzen, wie ich auch in diesen Kreisen eine deutlich positivere Resonanz auf das Film-im-Film-Format feststelle. Die Grenzen zwischen Hommage und fremden Federkleid sind schließlich wohl fließend.

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