JOHN KROKIDAS: KILL YOUR DARLINGS

Daniel Radcliffe ist Harry Potter. So habe ich das noch ziemlich lange nach dem letzten Teil des Zauberlehrling-Franchises gesehen. In letzter Zeit muss man dem Jungdarsteller, der im Grunde schon ein alter Hase ist, aber lassen, dass er sich wirklich alle Mühe gibt, um sein altes Image abzustreifen. In seinem neuen Film bewegt sich Radcliffe wieder in einer Bildungsinstitution und trägt eine Brille – und trotzdem kommt kein einziger Gedanke an Harry Potter auf.

© Koch Media/Neue Visionen

© Koch Media/Neue Visionen

Kill Your Darlings ist ein Biopic über die jungen Jahre des US-amerikanischen Poeten Allen Ginsberg. Vielmehr als eine bloße filmische Biographie ist es aber im Grunde ein Film über die Anfänge des Beat-Zeitalters. Ende des Zweiten Weltkrieges sind die Literaturseminare der amerikanischen Universitäten eher Reimfabriken als Orte der erwachenden Kreativität. Der junge Ginsberg, Sohn eines alternden Dichters und einer psychisch kranken Mutter, lernt dort gemeinsam mit seinen Kommilitonen Shakespeares Sonette auswendig und bekommt eingetrichtert, dass ein perfekt strukturiertes Versmaß schon die halbe Miete ist. Eines Tages lernt der schüchterne Erstsemester den exzentrischen Lucien Carr (Dane DeHaan) kennen, der schon mal in der Bibliothek schreiend auf einen Tisch springt und für seine literarische Revolution nur noch den passenden Schriftsteller braucht. Gemeinsam mit William Burroughs (Ben Foster) und Jack Kerouac (Jack Huston) tauchen die beiden ins Nachtleben ein, lernen die verrücktesten Leute kennen, planen ein umstürzlerisches Manifest und konsumieren sämtliche verfügbaren Drogen. Es könnte die perfekte anarchische Studentenzeit sein, aber da ist noch der mysteriöse David Kammerer (Michael C. Hall), der Lucien wie ein ergebener Schatten folgt.

© Koch Media/Neue Visionen

© Koch Media/Neue Visionen

Die Beat-Poeten haben die internationale Literaturszene in einer für einen Laien kaum abzuschätzenden Art und Weise geprägt und beeinflusst. Ich selbst lese ihre Werke unheimlich gern. Dass ich allerdings eine Ahnung davon hätte, das kann ich nicht wirklich behaupten. Und glücklicherweise gibt sich auch Regie-Debütant John Krokidas eher bescheiden. Er verfolgt mit seinem Film offensichtlich nicht den Anspruch, die Ursprünge der Beatniks in ihren kompletten Dimensionen zu erfassen und eine dokumentarische Nacherzählung ihres Gründungsmythos anzufertigen. Kill Your Darlings ist eher Coming of Age-Film, Beziehungsdrama und in einigen Anklängen auch manchmal ein Psychothriller. Der Regisseur ist gut darin, Stimmungen aufzubauen: die Euphorie einiger Studenten, die voller Größenwahn und Begeisterung bestehende Konventionen umstürzen und kreative Meisterwerke voller Wahrhaftigkeit erschaffen wollen. Die Unsicherheit eines jungen Mannes, der sich bisher weder in literarischer, noch in sexueller Hinsicht gefunden hat und erst einmal sich selbst kennenlernen müsste. Die Verzweiflung eines Liebhabers, der von seinem Lebensmittelpunkt schroff zurückgewiesen wird.

© Koch Media/Neue Visionen

© Koch Media/Neue Visionen

John Krokidas zeigt all das mit unerbittlicher Intensität und Nähe zu seinen Figuren, selbst einem stetig treibenden Rhythmus folgend, der sich auch immer wieder auf die markante Montage auswirkt. Und nicht zuletzt kann er sich auf eine Reihe junger Darsteller verlassen, die über sich hinauswachsen. Dane DeHaan gibt den Lucien Carr mit überbordender Überheblichkeit und unwiderstehlichem Charme, John Huston ist ein wunderbar verlotterter Jack Kerouac, Ben Fosters William Burroughs ist von einer beinahe blasierten Exzentrik geprägt, Michael C. Hall wirkt in seiner Rolle unendlich verzweifelt und Daniel Radcliffe macht einen gewaltigen Sprung. Die Unsicherheit seines Allen Ginsberg wird regelrecht greifbar. Und besonders wächst er über sich hinaus, wenn er die Figur in ihrer Poesie aufgehen lässt:

Be careful, you are not in wonderland
I’ve heard the strange madness long growing in your soul
but you’re fortunate in your ignorance
in your isolation
you who have suffered
find where love hides
give, share, lose
lest wie die, unbloomed

Kinostart: 30. Januar 2014

Advertisements

Eine Antwort zu “JOHN KROKIDAS: KILL YOUR DARLINGS

  1. Pingback: Viel Costner, Radcliffe, Bernal und das Green Me Film Festival - filmosophie.com·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s