8 AUGEN FÜR EIN HALLELUJA: MAGNOLIA

Jeder hat sie wohl, diese peinlichen Lücken: Filme, echte Klassiker oder Kultstreifen, die irgendwie schon jeder gesehen hat außer man selbst. Da gibt es nur eins: sich seine Defizite eingestehen und dran arbeiten. Wir von 8 Augen für ein Halleluja geben unser Bestes. Und an alle Menschen mit ähnlichem Nachholbedarf: Vorsicht! SPOILERS AHEAD!

Diesmal: Magnolia von Paul Thomas Anderson

© Kinowelt

© Kinowelt

Wieso wir den Film ausgewählt haben:

Um es auf den Punkt zu bringen: es wurde einfach mal Zeit. Drei von Vier Hallelujeranern hatten den Episodenfilm von PTA noch nicht gesehen, obwohl doch Magnolia irgendwie in aller Munde ist. Diese Filme, in denen die unterschiedlichsten Menschen scheinbar zufällig aufeinandertreffen, deren Leben auf die eine oder andere Weise miteinander verwoben sind – die üben schon eine gewisse Faszination aus.

© Kinowelt

© Kinowelt

Unsere Wertungen:

Chris: „Magnolia. Ein cineastisches Gedicht mit vielen Absätzen und einem mit Buntstift geschriebenem Ende. Ein Haufen unterschiedlicher Geschichte, die unter dem Deckmantel skurrilen Alltags in die Tiefen der Hoffnungslosigkeit und des Vergebens eintauchen, bis einem der Sauerstofftank ausgeht. Vor allem die präzise Bildregie: Formen, Farben, Einstellungen ließen mich beeindruckt vor dem Fernseher in unserer Runde. Da wollte ich auch immer mal hin mit Filmideen. Auch die Dialoge und Charaktere waren teils wundervoll geschliffen. Dennoch konnte Magnolia auch die Schattenseite eines solchen Filmkunstwerks nicht verhindern, die einem gen Ende etwas vom leuchtenden Bild nahm. Man wusste am Ende nicht mehr recht, wohin. Und blieb zwischendurch zwar stets gespannt, aber verlässt am Ende den Film doch unzufrieden. Aber wir sollen ja vergeben. Und ich bin auch ein verkopfter Filmpragmatiker, der sich in solchen Interpretationsräumen dann viel zu lange einschließt. Da kann der Film aber nichts für. Obwohl ja. Ach.“
8 von 10 vom Himmel klatschende Frösche

Tobi: „Die Magnolie ist eine Blume, von der ich nicht mit Gewissheit behaupten könnte, sie schon einmal gesehen zu haben. Ich wüsste nicht genau, wie ich sie beschreiben soll, was ihre Eigenschaft sind, wie sie riecht oder sich anfühlt. Ziemlich ähnlich ergeht es mir da, wenn ich an Magnolia denke – mal abgesehen vom Riechen. Der Film setzt sich aus verschiedenen lose miteinander verbundenen Episoden unterschiedlicher Menschen zusammen, die in ihrer Bildkomposition und ihrem allgemeinen Aufbau extrem durchstrukturiert wirken. Beim Schauen ist man hier also mit qualitativ hochwertigen Bildern konfrontiert. Nun ist der Dreh- und Angelpunkt aber natürlich auch die Geschichte, die erzählt wird und die ist nicht wirklich leicht zu fassen: Über die gesamten drei Stunden des Films wird zwischen den Episoden, die allesamt dramatische und traurige Szenen aus den Leben der Figuren zeigen und teilweise ineinander übergehen, hin- und hergesprungen. Man weiß nicht so recht, wo das Ganze mit einem hin will, wenngleich sich durch die Verschiedenheit der Geschichten keine Langeweile einstellt. Fragt man sich die ganze Zeit, was das alles soll, wird man gegen Ende komplett in den Orbit der Unwissenheit geschossen: Ab einem gewissen Zeitpunkt beginnt ein fleischiger Regen, bestehend aus Fröschen/Kröten, auf die Schauplätze niederzugehen – HÄ? Letztlich bleibt „Magnolia“ für mich ein Paradebeispiel für einen Film, aus dem jeder etwas anderes mitnehmen kann: Mag es für die einen das schiere melancholische Gefühl sein, welches sich beim Schauen sicherlich gerne einstellt, oder sei es das Verlangen in diesem ganzen Wust an undurchsichtiger Intention einen Sinn und des Pudels Kern zu finden, jeder wird auf andere Art und Weise angesprochen – es gibt keine allgemein gültige Antwort. Dieses Spannungsfeld und der eigene Flair machen den Film irgendwie zu etwas Besonderem – obwohl man ihn vielleicht nicht so richtig mag. Das wäre wahrscheinlich auch in weniger als drei Stunden zu bewerkstelligen gewesen, aber darüber lässt sich so vortrefflich streiten, wie über den Sinn des Froschregens. Ich vergebe an Magnolia 7 von 10 blumigen Punkten – auch, weil viele Lieder von Aimee Mann zum Soundtrack gehören, die mir persönlich sehr gut gefallen.“
7 von 10 vom Himmel klatschende Frösche

Kitty: „Magnolia ist ein Paradebeispiel dafür, wie Filme sein sollten. Ein Film über Filme, das Leben, verpackt in Episoden, von denen man nicht blickt, was sie einem sagen. – Gerade diese undurchsichtige Verstörheit flirtet dermaßen mit dem Zuschauer und versteht es, in den verwirrend Bann zu ziehen. Der Dreistünder lädt geradezu dazu ein, sich den Film mehrmals ins Gerät zu schieben und sich permanent an neuen Details und Perspektiven zu ergötzen. Und ich meine, wer kann bitte den Film nach diesem tripledeutigen Dialog nicht mögen?  Der Film, der die eigene Fiktionalität beleuchtet und mit den Worten eines hochintelligenten Jungens – „Das alles passiert wirklich. Das alles passiert wirklich“ – endet, ist tatsächlich gehirnverknotendes Kino. Und ja, dass es wirklich passiert, beweist unser Tobi, der sich gerne mal als Protagonist fühlt und während des Films einfach mal zu singen anfängt. Auch das Leben ist also großes Kino. Das versteht jeder spätestens durch diese Filmblume.“
9 von 10 vom Himmel klatschende Frösche

Katrin: „Je länger ich über Magnolia nachdenke, desto komplexer wird der Film in meinem Kopf. Die Erwartungen waren im Vorfeld so Fifty/Fifty: Der Trailer verrät alles und nichts und ich wusste schon mal, dass ich P.T. Anderson mag aber Tom Cruise hasse. Letztlich hat mich das Werk da in etwas hineingeworfen, dass ich immer noch nicht ganz verstehe und das Lust auf Ergründung macht. Ich weiß nicht, wie oft ich im Laufe der Zeit dachte: ‚Ok, das ist jetzt aber die letzte Szene!“ Und dann ging es doch wieder weiter. Scheinbar zusammenhanglos, wunderschön komponierte Bilder, wilde Handlungssprünge, exzentrische Figuren, alles andere als alltägliche Situationen. Und trotzdem machte auf einer seltsamen Ebene irgendwie alles einen Sinn. Spätestens in der aberwitzigen Froschszene hinterfragst du nicht nur den Film, sondern auch dich, deine Haltung, deine Sehgewohnheiten, deine Manipulierbarkeit und vielleicht sogar deine Lebensführung. Und irgendwie wird das letztlich auch ein bisschen zum Problem, weil man immer noch mehr Sinn erwartet, eine Wahnsinnspointe oder eine klar formulierte Moral von der Geschicht – die so deutlich glücklicherweise einfach nicht kommt. Genau so ist das doch auch vom Regisseur gewollt. Oder nicht? Oder doch?“
7,5 von 10 vom Himmel klatschende Frösche

Advertisements

3 Antworten zu “8 AUGEN FÜR EIN HALLELUJA: MAGNOLIA

  1. Ich liebe den Film. Emotional trifft er bei mir voll ins Schwarze. Und dieser Soundtrack. Fantastisch. Schade, dass er so lang ist, sonst würde ich ihn bestimmt öfter schauen… 😉

  2. Pingback: TOP 10 – November 2013 | l'âge d'or·

  3. Pingback: 8 AUGEN FÜR EIN HALLELUJA: WIE EIN WILDER STIER | l'âge d'or·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s