HONG KONG FILM FESTIVAL: FLOATING CITY VON YIM HO

Processed with VSCOcam with t2 presetWas gibt es Besseres als Festivaleröffnungen auf Einladung? Da gibt es dieses kleine aber feine Gefühl von Wichtigkeit, wenn der eigene Name auf der Gästeliste auffindbar ist, es stehen akkurat aufgereihte Gläser mit Wein bereit und kleine Tellerchen mit hübsch garnierten Schweinereien.

Das Hong Kong Film Festival in Berlin ist bisher keiner breiten Öffentlichkeit bekannt. Vielleicht, weil es in diesem Jahr erst in seiner zweiten Ausgabe stattfindet, vielleicht auch, weil es über keine eigene Website verfügt und in Sachen Eigenwerbung noch ein bisschen aufzuholen hat. Ansonsten hat es aber auf den ersten Blick alles, was ein gutes Festival braucht: die Gästeliste, den Wein, die Tellerchen mit den hübsch garnierten Schweinereien. Und natürlich eine ganze Menge interessanter Menschen aus allen möglichen Ecken der Welt – zum Großteil erwartbarerweise aus Fernost – die sich im Foyer des Kinos in den Hackeschen Höfen drängen.Processed with VSCOcam with t3 preset

Aber auch die allerschönsten Kreationen aus Gemüse und scharfen Hähnchenspießen sind irgendwann aufgegessen und es ist an der Zeit, sich nach den kulinarischen Genüssen den Visuellen zuzuwenden. Bevor der Vorhang für den Eröffnungsfilm beiseite schwenkt, wird noch einmal deutlich, dass dies in erster Linie ein von einem Wirtschaftsinstitut ausgerichtetes Festival ist: Veranstalter ist das Hong Kong Economic and Trade Office, und so fällt auch die Eröffnungsrede weniger filmpolitisch als wirtschaftlich aus und statt des sonst obligatorischen Festival-Vorspanns gibt es einen Clip mit Chow Yun-Fat und anderen Kulturschaffenden, der für die Vorzüge der kantonesischen Kreativszene wirbt.

Als schließlich das Licht ausgeht, ist der Kinosaal gut gefüllt. Zur Eröffnung haben die Kuratoren das 2012er Drama Floating City von Yim Ho ausgewählt, das die Geschichte des Waisenjungen Bo Wah-Chuen (Aaron Kwok) erzählt, der als Baby im Jahre 1942 von einer Tanka-Familie adoptiert wird. Die Tanka, von allen nur egg people genannt, leben als Fischer auf Segelbooten im Hafen und bilden die niedrigste Bevölkerungsschicht Hongkongs, sie tragen keine Schuhe und sind Analphabeten. So richtig gehört Chuen aber auch hier nicht dazu, denn als Sohn einer chinesischen Mutter und eines unbekannten kaukasischen Erzeugers hat er rötliche Haare und strahlend blaue Augen. Sein Vater will trotzdem, dass er als ältester Sohn der Familie die Regeln befolgt und eines Tages ebenfalls zum Fischer wird. Aber Chuen widersetzt sich. Er erlernt das Lesen, schlägt sich mit allerhand kleinen Jobs durch und landet schließlich bei der britischen East India Shipping Company, bei der er rasch in der Firmenhierarchie aufsteigt. Unterstützt wird er dabei von seiner weltgewandten Kollegin Fion (Annie Liu). Doch selbst scheinbar perfekt assimiliert stellt sich Chuen noch immer die Frage, wo er eigentlich hingehört.

© Mandarin Films Distribution Co.

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Floating City ist vorrangig für den asiatischen Markt gemacht, der Zugang zu dem Film fällt aber trotzdem nicht schwer, denn neben den beinahe universell verständlichen zwischenmenschlichen Dramen lässt sich Yim Hos Werk in erster Linie als eine Parabel auf Hongkong selbst lesen: die oft stiefmütterlich behandelte Kronkolonie, der wirtschaftliche Aufstieg mit allen Möglichkeiten, an Reichtum zu gelangen, eine britisch-chinesische Variante des Raubtierkapitalismus und die späte Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln. So umrahmen immer wieder politisch symbolträchtige Momente das Geschehen im Film, ob das Margaret Thatchers Fall vor der Großen Halle des Volkes in Peking ist, erste Aufstände gegen die britischen Besatzer oder die Rückgabe des Sonderverwaltungszone 1997 an die Volksrepublik China.

© Mandarin Films Distribution Co.

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Ganz schön viel Stoff für einen einzigen Film, und so kommt Floating City auch in der Inszenierung manchmal reichlich überladen daher. Die Sonnenuntergänge strahlen einen Tick zu golden, die Streicher leisten sich einen Vibrato zuviel und wenn Chuen zu Beginn des Streifens mit todernstem Gesichtsausdruck fragt: „Who am I?“… Dann wähnt man sich schon stellenweise in einer aufwendig produzierten Seifenoper. Daran ändern auch die wenigen britischen Darsteller nichts, die in ihrer irrwitzigen Mischung aus Holzigkeit und Overacting manchmal wirken, wie direkt von der Provinzbühne weg engagiert. Wer die eigenen, westlichen Sehgewohnheiten aber auch einmal abstellen und sich auf die Atmosphäre des Dramas einlassen kann, muss sich garantiert nicht mit Langeweile herumschlagen. Die 104 Minuten vergehen wie im Flug und Floating City entfaltet durchaus den ein oder anderen sehr berührenden Moment, wenn beispielsweise Chuens Mutter nach all ihren Entbehrungen endlich etwas für sich tut und mühsam das Lesen und Schreiben erlernt. Wie die gebeutelte Frau die Bedeutung der Schriftzeichen verinnerlicht und an ihrem neu erlangten Wissen wächst, zeigt Yim Ho sehr respektvoll und einfühlsam.

© Mandarin Films Distribution Co.

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Ein zweites Mal wird Floating City am Sonntag, den 17. November 2013 im Kino in den Hackeschen Höfen gezeigt, und überhaupt hält das Programm noch die ein oder andere Perle bereit: so zum Beispiel das Indiedrama A Fig von Vincent Chui, die Komödie My Sassy Hubby von James Yuen Sai-Sang, das Gangsterepos The Last Tycoon mit dem unvermeidlichen Chow Yun-Fat oder das Drama Love Me Not über eine homosexuelle Freundschaft. Wer also noch einen cineastischen Veranstaltungstipp für dieses Wochenende sucht, der dürfte auf dem Hong Kong Film Festival in Berlin ganz sicher fündig werden.

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