PASCAL PLISSON: AUF DEM WEG ZUR SCHULE

Ich für meinen Teil bin die meiste Zeit ziemlich gern zur Schule gegangen. Mein Spleen ging so weit, dass ich zu Grundschulzeiten Aufsätze zum Privatvergnügen schrieb. Meist ging es da um geografische Themen und ich habe ganze Hefte gefüllt – einfach aus Spaß an der Freude; ich wollte lernen. Probleme gab es allerdings auch bei mir Tag für Tag mit dem Aufstehen. Vor allem im Winter finde ich das noch heute gruselig: das warme, weiche Bett verlassen, um sich aufs Fahrrad zu schwingen, während es draußen noch kalt und dunkel ist… Und dann vielleicht noch zur Nullten Stunde. Hu. Da war es dann meist aus mit der Euphorie.

© Senator

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Nach diesem Dokumentarfilm musste ich allerdings feststellen, dass ich mich über meinen alten Schulweg wirklich nicht beschweren konnte. Auf dem Weg zu Schule zeigt vier Kinder aus den verschiedensten Teilen der Welt, die jeden Morgen mehrere Kilometer zurücklegen, um ihre Schule zu erreichen. Die dabei Gefahrensituationen durchstehen und stundenlang unterwegs sind. Jackson aus Kenia muss auf seinem zweistündigen Weg aufpassen, dass er und seine Schwester Salome nicht den Elefantenherden begegnen. Zahira und ihre Freundinnen müssen in vier Stunden das Atlasgebirge überqueren und per Anhalter fahren, um ihr Internat in der nächsten Stadt zu erreichen, Carlito reitet mit seiner kleinen Schwester jeden Morgen auf einem Pferd durch Patagonien und der gehbehinderte Samuel aus Indien muss in seinem Rollstuhl von seinen Brüdern eine Stunde lang zur Schule geschoben werden. Die vier Schüler vereint trotz ihrer so unterschiedlichen Leben ihr Ehrgeiz und ihre Erkenntnis, dass es vor allem die Schulbildung ist, die sie am besten auf ihre Zukunft vorbereiten kann.

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Auf dem Weg zur Schule läuft nur knappe 75 Minuten, und diese vergehen wie im Fluge. Denn selbst ein erklärter Kinderhasser wie ich, kann den Protagonisten dieses Dokumentarfilmes noch etwas abgewinnen. Wenn sich Samuel und seine Brüder auf dem Weg zum Beispiel darüber unterhalten, dass sie, wenn sie groß sind, unbedingt mit dem Zug nach Amerika fahren wollen – das dauert bestimmt mindestens eine ganze Stunde! – dann ist das schon ziemlich niedlich. Für Lacher sorgt auch ein reichlich irritiertes Huhn, das Zahira in einer kleinen Tasche aus zunächst unerfindlichen Gründen mit sich über das Atasgebirge schleppt. Vor allem als das Huhn bei der Fahrt per Anhalter mit Schafen in einem Anhänger sitzt und dabei seine Tasche mächtig ins Schaukeln gerät, sieht man dem armen Federvieh regelrecht an, dass es sich gerade fragt, was zur Hölle es hier eigentlich zu suchen hat.

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Pascal Plisson hat mit Auf dem Weg zur Schule einen Dokumentarfilm abgeliefert, der manchmal eher wie eine Docu-Fiction anmutet. Dass einige Gefahrensituationen nachinszeniert werden mussten, um die Kinder nicht zu gefährden, ist wohl eine Tatsache, deren Beweggründe jeder nachvollziehen kann. Seinem strikten Anspruch, den Weg der Kinder nur zu dokumentieren, wird der Regisseur aber nicht unbedingt gerecht. Sicher, auch eine Doku braucht Struktur. Pascal Plisson benutzt den Sonntagabend im Haus der jeweiligen Familie, um die Kinder dem Publikum vorzustellen. Die Gepräche mit den Eltern wirken dabei schon reichlich gestellt, und es irritiert, dass für die Synchronisation Sprecher mit starken Akzenten ausgewählt wurden. Ein Raunen geht durch das Kino, denn ein Mann, den Samuel und seine Brüder auf der Straße treffen, hat im Deutschen die selbe Stimme wie Raj aus The Bing Bang Theory.

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Pascal Plisson hat den jeweiligen Schulweg der Kinder über einen längeren Zeitraum begleitet, macht aber zu wenig auf die Manipulation aufmerksam, die durch seine Montage logischerweise entsteht. Stattdessen setzt er auf Pathos. Vor allem zum Ende des Filmes überlädt er Auf dem Weg zur Schule mit reichlich emotionalisierender Musik, mit berührenden Bildern, erklärenden Untertiteln und Interviews, in denen die Kinder ihre Zukunftspläne preisgeben. Das alles ist ein wenig too much und einen Tick zu erzieherisch geraten. Aber ich kann es nicht leugnen: meistens arbeite ich von Zuhause aus und muss morgens nicht zwei Stunden laufen – und darüber bin ich heilfroh.

Kinostart: 5. Dezember 2013

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